Das blutige Ritual

Von Hellmuth Karasek

El Cordobés: am 20. Juni kämpfte er in Brihuega, drei Tage später in Alicante, einen Tag darauf in Leon, wieder einen Tag später, also am 25., in Badajoz, am 26. in Algeciras, am 27. in Zamora, am 30. Juni schließlich in Burgos.

Wo er auftrat, das Land in Riesensprüngen durcheilend, auf denen ihm (wegen Spaniens Größe und den mißlichen Eisenbahnverhältnissen) nur jemand mit einer Privatmaschine hätte folgen können, blieben mindestens zwei und maximal drei Stiere tot zurück, mit einer gleich danach rasch zugerechten Blutspur von drei Pferden aus dem Rund geschleift, in dem sie vielleicht noch ein oder auch zwei Ohren und, wenn es hoch kam, den Schwanz, als Insignen des Triumphes für Cordobés zurückließen.

Dieser Stierkampf-Fahrplan, der einem besonders rührigen Handelsvertreter alle Ehre machen würde, verdeutlicht zumindest eines: Wer in einer corrida de toros so etwas wie ein Duell zwischen Mensch und Stier sieht, der müßte einsehen, daß ein so eng belegter Terminkalender des einen, des menschlichen Kombattanten, und die Tatsache, daß keiner seiner bulligen Gegner die Termine lebend übersteht, diese Duellvorstellung als krude Romantik widerlegt.

Der Tod des Matadors – er könnte nur als böser Zufall die Termine durcheinander kugeln. Und für solche Fälle steht bei Stierkämpfen, die von nur zwei Toreros bestritten werden (sie heißen mano a mano), ein "Ersatzmann" mit auf dem Plakat. Aber auf dem Plakat steht auch, für alle Fälle, daß der Kampf stattfinde, wenn das Wetter es erlaube. Und auch regnen tut es selten.

Die Stiere aber, sechs pro corrida, sie sterben alle samt und sonders, wenn das Wetter es erlaubt. Den Kopf vorgebeugt und auf die muleta in der Linken des Matadors fixiert, erwarten sie die espada, den rasiermesserscharfen Degen ihres Gegners. Dann stehen sie da, den Tod schon einen Meter tief in sich, stumpf vor starrem Erstaunen. Und war der Stich gut, dann brechen sie von alleine in die Knie, riesigen schwarzen Mönchen gleich. Es ist dieser Moment, den der Matador herbeisehnt, also scheucht er, in der Hoffnung, ein solcher Stich sei ihm gelungen, seine Hilfs-Toreros zur Seite, die sich dem Stier mit den lilagelben capas nahen, um ihn noch einmal mit flatternden, bewegten Tüchern zum Kreiseln zu verführen, damit er sich mittels dieser Hilfe in den Tod dreht.

Oder der Matador zieht ihm mit einem zweiten Degen den ersten in den Rücken gebohrten heraus, damit Luft in die Wunde tritt, damit das Blut besser fließt und so den Tod herbeiführt. Manche Stiere spucken Unmengen Blut in den gelben Sand, so mit ihrem dicken Rot die Nationalfarben Spaniens aus Blut und Sand herstellend. Manche sterben erst, wenn ihnen ein anderer Degen ins Genick gestoßen wird: dazu locken noch einmal die capas den stillstehenden Stier, auf daß er sein bulliges Haupt noch tiefer senke; dieser Stich fällt ihn dann wie ein Blitz. Und immer, wird aus den unbeweglich knieenden oder betäubt dastehenden Tieren ein noch einmal kurz aufzuckendes Bündel Nerven, immer bleibt ein schwarzer Berg aus Fleisch, der alle viere von sich streckt.

Das blutige Ritual

Stiere überleben nicht, haben keine Chance.

Oder doch: wenn das Publikum sie "begnadigt"; begnadigt, weil sich gleich bei ihrem ersten Auftreten in der Arena zeigt, daß sie unbrauchbare Kämpfer sein werden; dann pfeifen und johlen die Leute so lange zum Präsidenten der Arena, schwenken so lange ihre Taschentücher, bis auch der Präsident sein Tuch über die Brüstung seiner Loge hängt. Damit ist der Stier wegen Feigheit oder Kampfuntüchtigkeit begnadigt. Mit sanftem Glockengeläut traben Ochsen in die Arena; sie sind die einzigen, denen der Stier (aber auch das nur unter Umständen) sanft wie ein Lamm folgt. – Das einzige Bild, das dem Tierfreund gefallen würde, hätte er sich aus Versehen in eine corrida verlaufen. Nur, ich bin sicher, auch dieser ganz und gar unblutige Trott führt nur vom Regen in die Traufe. Oder: vom Matador zum Metzger.

Wer also dem Stierkampf mangelnde Fairneß, mangelnde Chancen-Gleichheit vorwirft, hat recht. Doch er vergißt, was er fordern müßte, sollte er nicht recht behalten. Diese Gleichheit gab es einmal, in den Gladiatorenkämpfen der Antike; ob Christ, ob Germane, ob berufsmäßiger Gladiator, hier hieß es sie oder der Löwe. Sollten also heutige Stierkämpfer mit Gladiatorenrisiko auftreten, wie es die in Harnisch gebrachte Tierliebe fordert, dann setzte das eine Gesellschaft voraus, die Sklaven hätte, Menschen einer Kategorie, deren Leben nichts zählte. Und einen solch offenen Zynismus leistet sich die moderne Menschheit nicht einmal im Krieg – was freilich nicht mehr heißt, als daß das "Duell" moderner Napalmbomber und asiatischer Reisbauern auf diese Konsequenzen hin nie durchdacht wurde.

Und wenn der Stierkampf schon kein Duell ist, so ist er doch zumindest das: eine Mutprobe, deren Vorführung in vollkommene Form überführt wurde. Die wohl bestialischste Spielveranstaltung, die sich in die Neuzeit gerettet hat, ist gleichzeitig die am strengsten in Stil und Form gefaßte. Die Normen und Formen, die das Töten eines Tiers hier angenommen hat, sie sind das, was das Töten erträglich macht. Nichts schlimmer, als wenn sie aus Ungeschick, aus Feigheit, aus Unvermögen verletzt werden: dann wird aus dem Stierkampf wirklich die grausige Metzelei, als die sich ihn seine Gegner ohnehin ausmalen. Es ist daher auch nicht Sympathie für den Stier, wenn dieser, schlechte Eigenschaften gleich bei seinen ersten rasenden Läufen durch den gelben, vorher festgespritzten Sand offenbarend, begnadigt wird. Das spanische Publikum weiß einfach, daß ein schlechter Stier wie ein schlechter Matador das Todesritual und seine ständig neuen Variationen zu einer stumpfsinnigen Stümperei mit sprudelndem Stierblut machen.

Der Mut des Matadors wird also vom Publikum nicht nur belohnt, weil er die erhöhte Gefahr, das gesteigerte Risiko heraufbeschwört, sondern weil beim Stierkampf nur der Mut. die Formerfüllung garantiert.

Es ist dieses Moment, das beispielsweise Hemingway am Stierkampf faszinierte, auch wenn er es zur existenzialistischen Philosophie vom Leben auf der Degenspitze dämonisierte und wohl auch verkitschte. Denn so wahr es ist, daß sich im Stierkampf der spanische Kult des machismo, der verherrlichten Manneskraft inkarniert – dieser Kult, Relikt einer Weltordnung, die auf kämpfende Ritter angewiesen war und in eine bäuerliche Welt übertragen wurde, wo die Herrschaft über das Tier die Meisterung des Lebens bedeutet (weshalb ja alle ländlichen Gesellschaften Kampfspiele mit Tieren kennen und lieben, ob man an Hahnenkämpfe oder an Rodeo denkt), wird nur einsehbar, weil er zwar ungezügelte Kraft meint, die aber nur in gezügeltster Form vorführt.

Diese eine spanische Antithetik von Glut und Beherrschung, von Verherrlichung der Kraft und deren Tötung, ist der eine Reiz der corrida. Aber sie hat noch mehr Antithesen.

Das blutige Ritual

Beispielsweise die, auf die Georg Hensel in seinem Stierkampfbuch (Verlag S. Toeche-Mittler, Darmstadt) aufmerksam macht, wenn er schildert, wie das Tier auf das .Tuch abgelenkt wird, es für seinen Feind hält, während doch der Mensch sein Feind ist. Hensel sieht darin mit Recht die große Antithetik des spanischen Barocktheaters weiterleben, die der tragischen Verwechslung von Schein und Sein.

Schon die Arena selbst macht einen weiteren Gegensatz schlagend augenfällig. Sie wird von der Nachmittagssonne kraß in zwei Hälften zerlegt, in Licht und in Schatten, in sol und sombra. Daß bei Brecht die einen im Schatten sind und die anderen im Licht, gilt ganz wörtlich auch für jede corrida: in der Sonne, wo die Plätze weitaus billiger sind, sitzen, von breiten Hüten geschützt und von Wein gegen die Hitze gestärkt, die buntesten, lautesten Zuschauer; hier fallen dann, wenn der Torero seine Ehrenrunde nach erfolgreichem Kampf zum Triumph-Einsammeln dreht, auch die heftigsten Zeichen der Zuneigung in die Arena:

El Cordobés erntete in Zamora flatternde Hühner, die an den Beinen zusammengebunden waren, Knoblauchketten, eine Wurst; lederne Weinflaschen wurden ihm zugeworfen, damit er einen Schluck aus ihnen nehme (er war gnädig und tat’s).

Im Schatten, besonders in den teureren, vornehmen vorderen Reihen sitzen die Leute, die den Matador eher mit Blumen belohnen. Hier findet man immer noch die Damen mit den locker gehandhabten, schöngezierten Fächern, mit dem schräg aufgesetzten, breitkrempigen schwarzen Hut, mit den roten Nelken überm Ohr, die im glatten festen schwarzen Haar befestigt sind und mit großen Ohrringen kontrastieren: Spanien, so kommt es einem Besucher vor, ist das Land, das seine Operetten aus dem vergangenen Jahrhundert noch am selbstverständlichsten nachzuleben versteht.

Für diesen Teil der Arena agiert der Torero, aber das Feuer, das ihn am stärksten anheizt, kommt aus den Kehlen und Gesten der Sonnenseite. Und damit die Grenzen fließend werden, gibt es dazwischen die sol y sombra-Zone: in den gut zwei Stunden, die eine corrida dauert, verwandelt sich hier Sonne in Schatten.

Neben, diesen grell in zwei Hälften zerschnittenen plaza de toros‚ deren steil ansteigendes Rund in der Regel zwischen zehn- und zwanzigtausend Zuschauer faßt und die, eng gestaffelt, für eine kochende Menschenmenge, die von Begeisterung zur Wut umkippen kann und Gunst und Mißgunst schnell vergißt, einen optischen Sog auf die helle gelbe, braun umrandete Arena ausübt, neben dieser plaza offenbart auch das Publikum selbst noch einmal die im Stierkampf zusammengezwungenen Antithesen:

Während das blutige Ritual im Sand der Arena unabweislich die Züge des adeligen Ursprungs der corrida trägt, sind die Zuschauer, wie ich sie auf den ferias in Zamora und Badajoz sah, rustikal, derb, ländlich, ein Plebs von Kennern. Vor der Arena wird ihnen Wasser verkauft. Für den harten Steinboden, auf dem sie eng zusammengedrängt sitzen, mieten sie Sitzkissen. Und obwohl ihnen auf Schildern, um die Arena vor Beginn der Kämpfe herumgetragenen, immer wieder drohend klar gemacht wird, daß es verboten sei, die Kissen hinunterzuschleudern, ergießt sich am Schluß oft ein Regen von klatschenden Kissen in den Staub.

Das blutige Ritual

Sie sehen Toreros mit kostbar bestickten Kostümen, gekleidet wie Adelige des Rokoko, streng hierarchisch gegliedert, der Matador goldbestickt, seine Gehilfen haben da nur Silber. Diese strenge Ordnung, bei der nach strengen Regeln Mützen gezogen werden, geht bis zu den Pferdeknechten hinunter, die hinter den armen Schindmähren mit der Peitsche stehen, wenn deren Reiter ihre Lanzen unter den Pfiffen und Johlen der Zuschauer in den Halswulst des Stieres bohren.

Eine dichtgedrängte, sich verbrüdernde Volksmenge auf den Rängen, die schreit, jubelt, gestikuliert, atemlos dasitzt, in Flüche ausbricht, auf der einen Seite, nobel gewandete Kämpfer mit abgezirkelten, auf Effekt bedachten, tänzerischen Bewegungen auf der anderen Seite: auch diese beiden Pole Spaniens treffen bei der corrida zusammen.

Und so sehr der Stierkampf durch seine festen Regeln und Formen bestimmt ist – ich kenne dennoch keine andere Spielart, bei der das Publikum im gleichen Ausmaße den Verlauf des Geschehens mitbestimmt, formt und entscheidet. Insofern ist es alles andere als ein snobistischer Einwand, wenn man in Spanien immer wieder hört, daß die Touristen den Stierkampf verderben, sobald sie ihn in zu geballter Häufung auf einmal heimsuchen. Bei den örtlichen Festen (ferias) für die Schutzheiligen San Juan und San Pedro in Badajoz und Zamora, gab es, anders als im Sommer in Barcelona oder gar in den kleineren Arenen der Küste, praktisch keine Fremden.

So konnte man erleben, wie die Zuschauer mit dem Präsidenten um Ohren rangen, wie sie einen Stier aus der Arena beförderten, wie sie einen Ordoñez, der sich etwas lustlos gab, so anzischten, daß er aus Wut zu seinem Mut zurückfand, wie sie einen Viti auspfiffen und einen El Cordobés durch allzu schäumende Begeisterung bis zum Übertaumeln in die reine Selbstdarstellung jagten.

Als der etwas zu wohlwollende Präsident in Badajoz Paco Camino zu den beiden von der Volksgunst erwirkten Ohren auch noch den Schwanz des Stiers geben wollte, veranlaßte das murrende Publikum den die Ehrenrunde machenden Matador dazu, den Schwanz als unverdiente Auszeichnung abzulehnen, wegzuwerfen. Und als der allzu strenge Präsident in Zamora El Cordobes, der beim letzten Kampf alle Effekte zu haschen begann, nur ein Ohr bewilligte, da stampfte der aufgebrachte Torero das Ohr unter dem Beifall des ihn blind liebenden Publikums in den Sand.

Stierkämpfe sind auch ein Dreiecksspiel, eine Kraftprobe zwischen Publikum, Matador und dem Präsidenten in der Loge, der die Volksgunst steuert, indem er sich ihr widersetzt oder ihr nachgibt. Und der auch eine corrida zerstören kann.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe: Die Götter der Arena