Stiere überleben nicht, haben keine Chance.

Oder doch: wenn das Publikum sie "begnadigt"; begnadigt, weil sich gleich bei ihrem ersten Auftreten in der Arena zeigt, daß sie unbrauchbare Kämpfer sein werden; dann pfeifen und johlen die Leute so lange zum Präsidenten der Arena, schwenken so lange ihre Taschentücher, bis auch der Präsident sein Tuch über die Brüstung seiner Loge hängt. Damit ist der Stier wegen Feigheit oder Kampfuntüchtigkeit begnadigt. Mit sanftem Glockengeläut traben Ochsen in die Arena; sie sind die einzigen, denen der Stier (aber auch das nur unter Umständen) sanft wie ein Lamm folgt. – Das einzige Bild, das dem Tierfreund gefallen würde, hätte er sich aus Versehen in eine corrida verlaufen. Nur, ich bin sicher, auch dieser ganz und gar unblutige Trott führt nur vom Regen in die Traufe. Oder: vom Matador zum Metzger.

Wer also dem Stierkampf mangelnde Fairneß, mangelnde Chancen-Gleichheit vorwirft, hat recht. Doch er vergißt, was er fordern müßte, sollte er nicht recht behalten. Diese Gleichheit gab es einmal, in den Gladiatorenkämpfen der Antike; ob Christ, ob Germane, ob berufsmäßiger Gladiator, hier hieß es sie oder der Löwe. Sollten also heutige Stierkämpfer mit Gladiatorenrisiko auftreten, wie es die in Harnisch gebrachte Tierliebe fordert, dann setzte das eine Gesellschaft voraus, die Sklaven hätte, Menschen einer Kategorie, deren Leben nichts zählte. Und einen solch offenen Zynismus leistet sich die moderne Menschheit nicht einmal im Krieg – was freilich nicht mehr heißt, als daß das "Duell" moderner Napalmbomber und asiatischer Reisbauern auf diese Konsequenzen hin nie durchdacht wurde.

Und wenn der Stierkampf schon kein Duell ist, so ist er doch zumindest das: eine Mutprobe, deren Vorführung in vollkommene Form überführt wurde. Die wohl bestialischste Spielveranstaltung, die sich in die Neuzeit gerettet hat, ist gleichzeitig die am strengsten in Stil und Form gefaßte. Die Normen und Formen, die das Töten eines Tiers hier angenommen hat, sie sind das, was das Töten erträglich macht. Nichts schlimmer, als wenn sie aus Ungeschick, aus Feigheit, aus Unvermögen verletzt werden: dann wird aus dem Stierkampf wirklich die grausige Metzelei, als die sich ihn seine Gegner ohnehin ausmalen. Es ist daher auch nicht Sympathie für den Stier, wenn dieser, schlechte Eigenschaften gleich bei seinen ersten rasenden Läufen durch den gelben, vorher festgespritzten Sand offenbarend, begnadigt wird. Das spanische Publikum weiß einfach, daß ein schlechter Stier wie ein schlechter Matador das Todesritual und seine ständig neuen Variationen zu einer stumpfsinnigen Stümperei mit sprudelndem Stierblut machen.

Der Mut des Matadors wird also vom Publikum nicht nur belohnt, weil er die erhöhte Gefahr, das gesteigerte Risiko heraufbeschwört, sondern weil beim Stierkampf nur der Mut. die Formerfüllung garantiert.

Es ist dieses Moment, das beispielsweise Hemingway am Stierkampf faszinierte, auch wenn er es zur existenzialistischen Philosophie vom Leben auf der Degenspitze dämonisierte und wohl auch verkitschte. Denn so wahr es ist, daß sich im Stierkampf der spanische Kult des machismo, der verherrlichten Manneskraft inkarniert – dieser Kult, Relikt einer Weltordnung, die auf kämpfende Ritter angewiesen war und in eine bäuerliche Welt übertragen wurde, wo die Herrschaft über das Tier die Meisterung des Lebens bedeutet (weshalb ja alle ländlichen Gesellschaften Kampfspiele mit Tieren kennen und lieben, ob man an Hahnenkämpfe oder an Rodeo denkt), wird nur einsehbar, weil er zwar ungezügelte Kraft meint, die aber nur in gezügeltster Form vorführt.

Diese eine spanische Antithetik von Glut und Beherrschung, von Verherrlichung der Kraft und deren Tötung, ist der eine Reiz der corrida. Aber sie hat noch mehr Antithesen.