Das Spiel, genannt Karriere

Von Gabriel Laub

Ein Karrierist ähnelt dem Leistungssportler: Er will der erste werden. Ob die Tätigkeit, in der man versucht, die Spitze zu erreichen, selbst einen Sinn hat, ist unwichtig. Man kann Weltrekordmann im Zielspucken sein; und man kann als Präsident des internationalen Verbandes für moralische Aufklärung der Regenwürmer oder als Generaldirektor des Trustes für quadratische Räder eine Karriere machen. Karriere ist kein Spiel im Wörterbuchsinn, keine "zweckfreie Tätigkeit, Beschäftigung aus Freude an ihr selbst". Der Leistungssport ist es auch nicht.

Zwischen Sport und Karriere gibt es jedoch zwei Unterschiede. Erstens: Obwohl die Tatsache, daß ein Ball ins Netz gerät, an sich keinen Wert hat, muß man, um ein Tor zu schießen, entsprechende Fähigkeiten besitzen. Amts-, Instituts- oder Unternehmensdirektor aber kann man auch dann werden, wenn man keine Fähigkeiten besitzt, die für die eigentliche Aufgabe der Institution nützlich sein könnten.

Zweitens: Beim Karrieremachen gehören auch die Fouls zu den Regeln.

Die Möglichkeit, der erste, zweite oder dritte zu sein, gibt es nur in einer Hierarchie; also nur in einer Hierarchie kann man Karriere machen. Ob man die Hierarchologie als angewandte Karrierologie oder die Karrierologie als angewandte Hierarchologie einstufen wird, muß die künftige wissenschaftliche Systematisierung entscheiden.

Man kann mit karrierologischen und hierarchologischen Büchern Schränke füllen, eine genaue Definition der Karriere gibt es jedoch nicht. Oft wird Karriere mit Erfolg verwechselt. Man spricht zum Beispiel von wissenschaftlicher, literarischer, künstlerischer Karriere; doch ein guter Schriftsteller, Wissenschaftler oder Maler sein – das ist ein Erfolg, keine Karriere.

Zum Erfolg kann man unter Umständen, auch durch eigene schöpferische Fähigkeiten kommen, und das viel leichter außerhalb als innerhalb einer Hierarchie. Die Karriere beginnt erst, wenn man der Beste, Berühmteste, Bekannteste in seiner Sparte werden will – wozu man schon ganz andere Fähigkeiten braucht und, vor allem, die Unterstützung einer hierarchisch geordneten Gruppe.

Das Spiel, genannt Karriere

Um solche Erkenntnis zu erleichtern, wollen wir die schöpferischen Fähigkeiten, die es ermöglichen, materielle oder geistige Werte zu erzeugen, mit den Buchstaben "SF" bezeichnen, die karrieristischen dagegen, die also zur Eroberung einer Position verhelfen, mit "FK".

Zuweilen findet man Eigenschaften, die zu beiden Kategorien gehören. Sie kreuzen sich, zum Beispiel, oft im Falle einer Geldkarriere; erinnert sei hier aber an die Bemerkung des Klassikers der Karrierologie, Professor C. Northcote Parkinson, daß die Millionen selbst noch keine Karriere bedeuten; wichtig ist das Prestige, der Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie.

Die Intelligenz kann man als SF genauso wie als KF zählen – zumal "Intelligenz" ursprünglich "Anpassungsfähigkeit" bedeutet – wobei sie in beiden Fällen nicht ausschlaggebend ist. Parkinson erwähnt sie unter karrierefreundlichen Eigenschaften; er steht aber noch unter dem Einfluß des traditionellen romantischen Glaubens, daß auch schöpferische Fähigkeiten für die Karriere günstig seien. Das wurde theoretisch in den letzten Jahren (praktisch schon seit Jahrtausenden) widerlegt.

Noch tiefer steckt in diesem Irrtum Laurence J. Peter, der behauptet, daß die Karriere nur bis zur Stufe der Inkompetenz führt. In jeder bürokratischen Hierarchie – und das sind praktisch alle Hierarchien, egal ob in den Behörden oder den großen Firmen – fängt der Weg zum Gipfel überhaupt erst auf der Stufe der Inkompetenz an, wenn die Hindernisse der Kompetenz und der Fähigkeit beseitigt sind.

Übrigens sind alle Handbücher für Karrieristen, für – wie Parkinson es formuliert hat –, "unterdurchschnittlich begabte, dumme, faule, nicht hilfsbereite, unangenehme und unloyale Leute" geschrieben. Parkinson begründet es auch: "Wir leben schließlich in einem demokratischen Land – warum sollen auch sie keine Karriere machen, wie es die anderen tun?"

In dieser Hinsicht war die menschliche Gesellschaft immer demokratisch. Menschen mit einem geringen SF-Quotienten, die also mit dem Erfolg in einem nichtkarrierebedingten Beruf, wie zum Beispiel Mathematik, Viehzucht oder Maschinenbau, nicht rechnen dürfen, haben in jedem gesellschaftlichen System den Weg zur Karriere offen. Das rettet die Demokratie, die verpflichtet ist, jedem eine Chance zu bieten.

Aufstiegsmöglichkeiten für Nichtbegabte bilden einen so wichtigen Grundsatz der Demokratie, daß er auch in den nichtdemokratischen Regimen erhalten und sogar entwickelt worden ist.

Das Spiel, genannt Karriere

So kommen wir erstmals zur Definition der Karriere: Karriere ist ein Aufstieg zu einer höheren Stufe in einer Hierarchie, der zugleich einen Aufstieg in der Gesellschaft überhaupt bedeutet, und den man, ohne schöpferische Fähigkeiten zu besitzen, bewältigen kann.

Wer allerdings SF besitzt und doch nach einer Karriere strebt, ist doppelt unanständig: Er schädigt diejenigen, die keine SF haben und daher auf die Karriere angewiesen sind, und er schädigt sich selbst, weil der Kampf um die Karriere ihm alle Möglichkeiten nimmt, seine schöpferischen Fähigkeiten zu entwickeln. Es ist gerecht, daß für ihn die Karriere schwieriger ist als für einen Menschen ohne SF.