Irgendwann werden die Autos sterben, und wir können sagen, wir wären dabeigewesen, als ihre Agonie begann.

Gift in der Luft, Lärm in den Städten, Leichen auf der Autobahn und auf den Zebrastreifen, verstopfte Straßen, verwüstete Landschaften. Die Details sind bekannt, doch werden sie einstweilen meist noch als Mißlichkeiten angesehen, die jeweils gesondert zu behandeln und durch schlau erdachte „Maßnahmen“ aller Art aus der Welt zu schaffen sind. Aber jeder einzelne dieser wunden Punkte ist nur ein Tupfer im großen, Bild vom Sterben der Autos, vom langsamen, aber nicht aufzuhaltenden Zusammenbruch eines Transportsystems.

Am wenigsten von irgendeinem Zweifel angefochten sind derzeit noch die Straßenbauer. Mit verbissener Zielstrebigkeit schlagen sie ihre Schneisen durch das Land, mit Unterführungen und Überführungen, Auffahrten, Kreiseln und Spinnen, und verweisen alle nicht im Fahrzustand befindliche menschliche Existenz immer entschiedener auf die Zwickel, die zwischen den Pisten übrigbleiben, finden auch immer wieder die Möglichkeit, selbst einen solchen Zwickel durch eine neue Straße in zwei kleinere Teilzwickel zu zerlegen, rühmen sich öffentlich der Kilometer, die sie pro Haushaltsjahr betoniert und asphaltiert haben.

Aber das Problem beheben sie nicht, sie schieben es nur vor sich her. Denn einem stetig wachsenden Verkehr, der die verfügbaren Straßen verstopft, ist mit einem noch dichteren Straßennetz nicht beizukommen, vielmehr ermuntert dieses nur zu einer weiteren Steigerung der Motorisierung.

Unsere Gesellschaft ist gar nicht imstande, die Leistungen im Straßenbau zu erbringen, die ihr der wachsende Individualverkehr abnötigen will. Und selbst wenn es möglich wäre, mit den dafür erforderlichen 252 Milliarden Mark in den kommenden zehn Jahren den Verkehrsraum um 30 Prozent zu erweitern, so wäre bis dahin, wie eine deutsche Mineralölgesellschaft in einer Zukunftsstudie ermittelte, der Verkehr schon an sich selbst erstickt, weil er, durch neue Straßen stimuliert, schneller wächst, als der ihm zugewiesene Raum wachsen kann.

Ein Grundprinzip des Systems der privaten Motorisierung ist damit schon angedeutet: daß nämlich das System die Bedürfnisse schafft, die es zu befriedigen vorgibt. Straßenbau, zum Beispiel, zieht immer wieder Straßenbau nach sich.

Nur die schiere Naivität kann so tun, als habe sich das Dilemma der Privatvehikel, so, wie es jetzt über uns kommt, nach einer Art Naturgesetz entwickelt, als käme mithin gleich nach dem Fortpflanzungstrieb der Fortbewegungstrieb und gegen diesen sei so wenig ein Kraut gewachsen wie gegen jenen; zur Naivität tritt die Scheinheiligkeit, die in jedem reglementierenden Eingriff, welcher der Vernunft zur Wirkung verhelfen könnte, gleich einen Verstoß gegen die heiligen Grundregeln freier Unternehmungsführung erblickt und sich schon im voraus entrüstet.