Von Wolf Donner

Nun schmachten sie wieder. Die Filme der Sozialkritik, des Aufruhrs, der Polemik, der Aggressionen und Agitationen sind vergessen: Die ganze Welt produziert love-stories en gros und en detail, banale Dreiecksgeschichten und Trivialitäten aus dem Poesiealbum, aufgeblasen zu gefühligen, ungeheuer bombastischen und geschmäcklerischen Melodramen. Die weiche Welle ist ausgebrochen, ein Kino der Liebe und der Schönheit, der neuen Innerlichkeit und des bedingungslosen Ästhetizismus.

Der offizielle Wettbewerb der 21. Internationalen Filmfestspiele Berlin war voll davon. Am erstaunlichsten dabei ist, daß diese Neo-Romantik junge und alte Regisseure vereint, Debütanten und die berühmten oder bekannten Namen, auf die man in Berlin so gerne setzt: Ingmar Bergman („The Touch“), Robert Bresson („Vier Nächte eines Träumers“), Kon Ichikawa („Warum ...“), André Delvaux („Rendezvous in Bray“), Rainer Werner Fassbinder („Whity“), Vittorio de Sica („Der Garten der Finzi Contini“). Fast immer sind es schöne, stille, junge Menschen, die sich hier ihren ersten herben Welterfahrungen ausgesetzt sehen, zarte Seelen mit großen melancholischen Augen, die viel und lange vor sich hinsinnen, die Minuten für ein paar Worte brauchen und deren gelegentlich exzentrisches Gebaren nur mühsam den Eindruck moderner Jugendlichkeit suggeriert.

Geigen jubilieren, wenn sie durch den Reyno-Wald laufen oder radeln, ein volles Orchester oder ein mieser Schlager schmettert los, wenn sie im Auto oder Zug durch Fremdenverkehrs-Landschaften reisen, ein Klavier klimpert einschmeichelnd das Hauptmotiv, wenn sie durch Stuyvesant-Städte schlendern, sich in Atika-Apartments tief in die Augen sehen oder in gediegenen, üppigen Villen, Schlössern und Herrensitzen die Wonnen debiler Privilegierter genießen. Durch solche Musikdramaturgie steigt wohldosierte Rührung auf und wird Stimmung gemacht – das Taschentuchkino hat Hochsaison.

Es ist ein Kino der Verzögerung, der erstarrten Gesten und der unendlich behutsamen Bewegungen, der süffigen Überblendungen, und leckeren Farbkombinationen: „Jasmin“-Duft strömt von der Leinwand, und wenn die Wehmut überfließt, mit Vorliebe am Filmschluß, verläuft das Geschehen in Zeitlupe und Weichzeichner. Das Wegtupfen einer Träne, ein fallendes Kleidungsstück, ein Blick sind Akte von sakraler Weihe.

Der Film als kalkulierte Software kommt nicht aus heiterem Himmel, die Vorläufer sind bekannt: die psychedelischen und homophilen, die Hasch- und Trip-Filme des New American Cinema, die Sensibilisten mit ihren stimmungsdichten, atmosphärischen langen Einstellungen, die elegischen amerikanischen Spät-Western in der Art von „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder Antonionis love-story „Zabriskie Point“.

In Deutschland horchte man beim Mannheimer Festival 1970 zum erstenmal auf, als die Münchner Film- und Fernsehakademie mit einer ganzen Staffel schönheitstrunkener Gefühls-Epen aufwartete. In diesem Jahr setzte sich der neue Trend in Oberhausen, Cannes und nun in Berlin weiter durch und findet unter anderem in der Naturseligkeit des neuen deutschen Heimatfilms eine Fortsetzung.