Von Karl-Heinz Janßen

Die große amerikanische Republik ist unser Freund!", rief Innenminister Giap überschwenglich aus, als am 2. September 1955 in Hanoi die "Demokratische Republik Vietnam" ausgerufen wurde – die erste von Kommunisten geführte Volksrepublik. Ho Tschi Minh verlas die Unabhängigkeitserklärung, die zum Teil wörtlich aus der amerikanischen von 1776 abgeschrieben war. Mit den siegreichen Partisanen der Vietminh, die nach der Kapitulation Japans unter dem Jubel der Bevölkerung in die Hauptstadt einzogen, marschierten amerikanische Soldaten und Geheimdienstagenten. Das OSS (Office of Strategie Services), der Vorgänger der CIA, hatte den Vietnamesen im Kampf gegen die Japaner beigestanden. Aber Amerika verpaßte die Gelegenheit, sich die Vietnamesen für immer zum Freund zu gewinnen. Bald kabelten die OSS-Agenten nach Washington: "Ho ist ein alter Revolutionär, ein Produkt Moskaus, ein Kommunist."

Schon fielen die ersten Schatten des Kalten Krieges über die Welt. Die Vietnamesen zählten zu den ersten Opfern. Achtmal hat sich Ho Tschi Minh in den Monaten nach der Kapitulation Japans an die amerikanische Regierung um Hilfe gewandt, nicht zuletzt, um die Truppen Tschiang Kai-scheks wieder aus dem Land heraus zu bekommen, das sie entsprechend den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz bis zum 16. Breitengrad besetzt hatten. Er verlangte für sein Land "denselben Status wie die Philippinen", die 1934 amerikanisches Dominium geworden waren und nach zehn Jahren unabhängig werden sollten. Aber Washington würdigte den alten Mann in Hanoi keines Wortes. In seiner Enttäuschung wandte sich Ho Tschi Minh nun doch den Franzosen zu, willigte ein, daß sie für die Dauer von fünf Jahren ihre Kolonialherrschaft in ganz Vietnam restaurierten. Er wollte "lieber fünf Jahre lang französischen Kot fressen als chinesischen Kot sein Leben lang".

In den ersten Jahren des Indochina-Krieges, der 1946 zwischen Franzosen und Vietnamesen ausgebrochen war, verhielten sich die Vereinigten Staaten ebenfalls reserviert. Sie ermahnten die Franzosen, dem vietnamesischen Nationalismus Konzessionen zu gewähren, hüteten sich aber, den Vietminh zu ermuntern, Washington sah in Ho Tschi Minh weniger den Freiheitskämpfer als vielmehr einen finsteren Gefolgsmann Josef Stalins, obschon es für eine enge Bindung zwischen Moskau und den Vietminh keine Beweise gab. (Waffen holten sich die Partisanen von den Franzosen.)

1949 wurde die Nato gegründet. Dies – so hat Anfang des Jahres, in einer wenig beachteten Aussage vor dem US-Kongreß, der frühere Staatssekretär Chester Bowles enthüllt – war der Anlaß für die Franzosen, Amerika schamlos zu erpressen: "In einem zynischen und unentschuldbaren politischen Geschäft, das in der Geschichte der amerikanischen Diplomatie seinesgleichen sucht", fand sich die Regierung Truman bereit, 2,5 Milliarden Dollar für den Krieg in Indochina zu zahlen, wogegen Frankreich versprach, zwölf Divisionen für die Nato auf die Beine zu stellen. Die französischen Diplomaten nutzten nach Kräften die antikommunistische Stimmung in den USA, indem sie den Kolonialkrieg als Kampf gegen den Kommunismus und für das Privateigentum verbrämten.

Maos Sieg in China 1949 – eine Schlappe, die zu bewältigen die amerikanische Nation über zwei Jahrzehnte brauchte – und der Ausbruch des Krieges in Korea 1950 hatten den Nebeneffekt, daß Washington von nun an alles daran setzte, den französischen Waffen in Indochina zum Erfolg zu verhelfen. Was später als "Domino-Theorie" eine der geläufigsten Motivationen für den amerikanischen Krieg in Indochina wurde, tauchte zum erstenmal im Februar 1950 in einer Lagebeurteilung des Nationalen Sicherheitsrates auf: "Die Ausbreitung der chinesischen Herrschaft über China bedeutet für uns eine schwerwiegende politische Niederlage. Wenn auch noch Südostasien vom Kommunismus überrannt wird, so haben wir eine solch große politische Schlappe erlitten, daß deren Auswirkungen in der ganzen übrigen Welt spürbar werden, vor allem im Nahen Osten und in Australien, das dann in gefährlicher Weise bloßliegt."

Ohne die gigantische Militär- und Wirtschaftshilfe der Vereinigten Staaten hätte Frankreich den opferreichen Krieg niemals acht Jahre lang durchhalten können. Bowles: "Unsere Militärhilfe für Indochina war schon 1952 zweieinhalbmal so groß wie unsere gesamte damalige weltweite Entwicklungshilfe (Punkt-Vier-Programm) und genauso groß wie unsere Marshallplan-Hilfe für Frankreich. Im Schnitt traf jeden Tag ein 10 000-Tonnen-Frachter mit amerikanischem Kriegsmaterial in Saigon ein." Präsident Truman versicherte, Amerika decke mehr als die Hälfte der Kriegskosten, im Frühjahr 1954 waren es schon siebzig Prozent.