Salt Lake Camp

Von Herbert Schäfer

Als der Morgen graut, haben sich noch immer keine Helfer gefunden, die ihm die traurige Pflicht, das in der vergangenen Nacht verstorbene Kind zu beerdigen, abnehmen. Dr. Jacobs, der junge deutsche Arzt im Salt Lake Camp – einem Mammutlager für ostpakistanische Flüchtlinge bei Kalkutta – greift selber zur Schaufel, um den Leichnam im Morast zu bestatten. Es ist nicht das erstemal, daß Jacobs und sein aus Frankfurt stammender Kollege Dr. Bromberger zusätzlich: das Amt des Totengräbers versehen müssen. Die Lagerinsassen, meist Hindus, die dem Gemetzel in Ostpakistan entkommen sind, weigern sich nicht nur aus Angst vor Ansteckungsgefahr, dies selber zu tun.

Seit der erste Monsunregen niederprasselte, sterben im „Salt Lake Camp“ immer mehr Menschen. Die meisten kamen schon entkräftet und mit starken Erkältungserscheinungen an und sind anfällig gegen Krankheiten jeder Art: Schwere Bronchitis, Lungenentzündung, Tuberkulose (besonders bei älteren Insassen) und Infektionen des Magen-und-Darm-Traktes treten am häufigsten auf, aber auch eine schwere Form der Cholera fordert ihren Tribut. Das Camp, das mit deutscher Hilfe finanziert wird, ist ein einziger Seuchenherd – ein einzigartiger Skandal.

Die deutschen Ärzte erklären: „Wir haben von Anfang an davor gewarnt, das Lager an dieser Stelle zu errichten, weil allgemein bekannt ist, daß das Salt-Lake-Gelände alljährlich beim Monsun überflutet ist. Aber die indischen Regierungsvertreter und die beteiligten Organisationen schlugen unsere Warnungen in den Wind!“

Dies war denn auch schließlich der Grund, warum das Bundesinnenministerium die deutschen karitativen Vereinigungen in der zweiten Junihälfte bat, künftig ihre „Hilfe gebündelt in diesem Lager einzusetzen“. In einem Fernschreiben versicherte das Ministerium: „Die deutsche Botschaft in Neu-Delhi hat mitgeteilt, daß zusammen mit dem westbengalischen Staatssekretär des Inneren, Herrn Talukdar, auf einem ausgedehnten überschwemmungssicheren Gelände bei Kalkutta (Salt Lake Area) die Errichtung des bisher größten Flüchtlingslagers in Westbengalen (Aufnahmefähigkeit bis zu 500 000 Menschen) festgelegt worden ist.“ Auch das deutsche Generalkonsulat in Kalkutta habe diesen Vorschlag begrüßt und bestätigt, daß dort „eine zweckentsprechende Verwendung der gespendeten Hilfsgüter“ gewährleistet sei.

Als wir vormittags im Camp, Sektor V, eintreffen, hat sich das „ausgedehnte überschwemmungssichere Gelände“ in eine riesige braungelbe Schlammwüste verwandelt. Die in Deutschland gespendeten Hilfsgüter stehen unter Wasser. Zu dieser Zeit ist das Lager praktisch von der Außenweit völlig abgeschnitten. Die Lastkraftwagen mit der täglichen Reisration sind auf dem einzigen Zufahrtsweg in fünf Kilometer Entfernung steckengeblieben. Die Flüchtlinge werden aufgefordert, selber dorthin zu gehen, um ihre Zuteilung in Empfang zu nehmen. Doch kein einziger kommt dieser Aufforderung nach. Die Hindus sind mißtrauisch und verzichten lieberauf das Essen, als sich neuen Gefahren auszusetzen.