In der Sowjetunion hat der Tod der Saljut-Kosmonauten einen Stil hervorgerufen und ein Vokabular in Bewegung gesetzt, die nicht nur die „Größenordnung“ dieses supranationalen Falles zum Ausdruck bringen, sondern streng genommen unzulässig sind: weil sie ihrem Wesen nach im Widerspruch stehen zum herrschenden Dogma, zum Atheismus. Es wird Totenkult getrieben, und Totenkult, so unterschiedlich er bei den Völkern der Erde beschaffen ist, geht doch von der Voraussetzung eines Scheidungsprozesses aus: Geist vom Körper, Seele vom Körper. Er bedeutet nicht das Ende von Geist oder Seele.

Die Beisetzung an. der Kreml-Mauer, mit nicht nur unterschwelliger Feierlichkeit (und mit der „Fähigkeit zu trauern“) vollzogen, setzt auch für die Bürger der Union keinen materialistischnüchternen Schlußpunkt hinter das Leben von Dobrowoljskij, Wolkow und Pazajew. Die Zeitgenossen verhalten sich offensichtlich innerlich widerspenstig gegen die Vorstellung, daß zu Staub wird, was aus Staub wurde. Wir beobachten den Auftakt einer aufs Immaterielle gerichteten Verehrung.

Es ist bezeichnend, daß die Prawda am 1. Juli unter anderem die kurze Äußerung eines Angehörigen einer Leningrader Fabrik über den Tod der Kosmonauten unter der Überschrift „Unsterblichkeit“ brachte. Zwar wird diese Vorstellung von Unsterblichkeit im kleinen Einspälter gleich konkretisiert und entschärft, wenn gesagt wird, die Kosmonauten seien unsterblich im Gedächtnis des Volkes. Aber zunächst ist doch ein Begriff gewählt, der zum Atheismus im Widerspruch steht. Man braucht einen extravaganten Ausdruck, um das Außergewöhnliche seines Erlebnisses zu kennzeichnen.

An derselben Kreml-Mauer, wo die neuen Toten beigesetzt wurden, befindet sich das Mausoleum mit der Leiche Lenins. Warum ist die Leiche einbalsamiert? Warum ist sie nicht dem natürlichschnellen Verwesungs- und Zerstörungsprozeß überantwortet? Soll hier nur, in einer musealen Absicht, das Dokument eines Lebens bewahrt werden? Ist nicht vielmehr die Illusion der Dauer gemeint? Eine Abwehr gegen den materialistischnüchternen Beendigungsprozeß?

Wenn die Bürger der Sowjetunion, aus fernen Städten und Republiken hergereist und hergepilgert, stundenlang Schlange stehen, um schweigend und ergriffen einige Sekunden an Lenins Leiche zu defilieren und in fahlem Licht ein paar Blicke auf den Begründer der Sowjetunion werfen, dann ist es ein ähnlicher Vorgang wie jetzt bei Dobrowoljskij, Wolkow und Pazajew. Der atheistische Glaube an Aufbau und Zerfall, an Ordnung bloß der Materie reicht nicht aus, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Der Kult an der Leiche Lenins und die Gottesverehrung in vorrevolutionären, zaristischen Zeiten sind zwar nicht dasselbe. Aber sie haben eine gemeinsame Wurzel, ein tertium comparationis: das Devotionsbedürfnis. Aber es wäre abgeschmackt und billig, diesen Sachverhalt etwa in tagespolitischer Absicht gegen den Bolschewismus ins Feld zu führen. René Drommert