Von Thomas von Randow

In der Sowjetunion hat jeder wohl hundertmal den Ausruf des Kosmonauten Georgi Dobrowolski beim Anblick der Erde aus dem Bullauge des Raumschiffs Sojus 11 gehört oder gelesen: „Seht da unten; es zieht uns nach Hause, zur Sonne, zur frischen Luft; man möchte in den Wald gehen.“

Jeder Sowjetbürger weiß inzwischen auch, daß die drei Kosmonauten von Sojus 11 nur noch tot aus dem Unglücksschiff geborgen wurden. Ohne Zwischenfall – „geradezu ideal“, wie die Moskauer Gewerkschaftszeitung Trud berichtet hatte – war das Gefährt von der Orbitalstation abgekoppelt worden, dem geräumigen Weltraumlabor, in dem Dobrowolski und seine Genossen Wladimir Wolkow und Viktor Pazajew 23 Tage lang schwerelos gearbeitet hatten. Bis zum Eintauchen des Sojus-Schiffs in die Atmosphäre standen die Kosmonauten mit der Leitzentrale in Funkkontakt.

Doch über die Ursache des Unfalls schwiegen sich die Zeitungen, die Fernseh- und Rundfunksender aus. Man würde sie untersuchen, hatte es am Unglückstag geheißen. Mehr ist bisher offiziell nicht verlautet.

Und die Zeitungen, die seitenlang über die Kosmonauten, ihre Familien, ihr Begräbnis, ihre Taten und ihren Mut berichteten, die alle Grabreden ungekürzt wiedergaben, hatten nicht einmal rhetorisch nach dem Grund der fatalen Panne gefragt, geschweige denn darüber spekuliert oder gar Fachleute dazu interviewt. Ein Staat, der keinen Zweifel an seiner Zuverlässigkeit duldet, verbietet solche Diskussion.

Um so lebhafter spekuliert der Westen. Vielleicht vermag der Mensch mehr als drei Wochen Schwerelosigkeit nicht zu ertragen, gaben manche Beobachter zu bedenken. Hatte nicht erst im Mai der russische Raumfahrtwissenschaftler Wassili Parin erklärt, nach dem jüngsten Stand der sowjetischen Forschung könne ein Mensch diesen Zustand im Höchstfall 30 bis 40 Tage lang aushalten?

Zu den Forschungsergebnissen, auf die sich Parin bezog, gehört auch der Befund des einzigen Arztes, der bislang in einem Raumschiff um die Erde gekreist ist, des Dr. Boris Jegorow. Der Organismus, so stellte er fest, baut nicht nur überraschend schnell wenig benutztes oder unbenutztes Muskelgewebe ab –, und der von der Erdschwere befreite Körper braucht sehr viele Muskeln nicht zu benutzen. Der Organismus verliert vor allem auch eine Reihe lebenswichtiger Substanzen, darunter Natrium und Kalium, die in der Informationsübermittlung zwischen den Nervenzellen eine wichtige Rolle spielen.