Von Wolfgang Hoff mann

Was vor Jahren als einer der eklatantesten Fälle der deutschen Wirtschaftskriminalität begann, könnte bald als einer der größten Justizirrtümer der deutschen Rechtsgeschichte enden. Kein geringerer als der britische Professor Richard Hauser, Soziologe von Weltruf, meint sogar, es handele sich um einen Fall, den man nur mit der berüchtigten Affäre Dreyfus vergleichen könne. Gemeint ist der Fall Deutsch. Wenn es auch nicht um den angeblichen Verrat geheimer Staatspapiere geht, so sind Parallelen zwischen der Affäre Dreyfus und dem Fall Deutsch in vielen Punkten in der Tat vorhanden.

Der Hauptangeklagte heißt Hans Deutsch. Er ist Jude, österreichischer und israelischer Staatsbürger, Rechtsanwalt, Doktor der Rechtswissenschaften. Wegen seiner kulturellen Verdienste wurde er Professor der philosophischen Fakultät der Universität Wien, Ehrenbürger der Schweizer Gemeinde Belmont und Mäzen der schönen Künste.

Die Urkunde, in der Hans Deutsch zum Ehrensenator der Wiener Universität ernannt wird, ruht allerdings noch in der Schublade. Denn kurz bevor die Ernennung ausgesprochen werden konnte, wurde Hans Deutsch in Bonn verhaftet. Die Bundesrepublik Deutschland fühlte sich von Hans Dcutsch betrogen – um 35 Millionen Mark.

Zum Verständnis der von Richard Hauser gezogenen Parallelen in den Affären Dreyfus und Deutsch ein historischer Exkurs: In Frankreich hatten im Jahr 1894 Konservative, Monarchisten und Militärs der Republik den Kampf angesagt. Der verlorene Krieg 1871 hatte die Nation zerrissen, die Militärs suchten einen Sündenbock, die Monarchisten strebten nach Restauration. Verrat sollte die bequeme Erklärung für die Schmach der militärischen Niederlage bieten. In dieser innenpolitischen Situation wurde das Komplott gegen den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus geschmiedet.

Deutschland, 3. November 1964. Fast siebzig Jahre später und auf den Tag genau, an dem gegen Hauptmann Dreyfus Anklage erhoben wurde, wurde am Eingang des Bonner Finanzministeriums der jüdische Wiedergutmachungsanwalt Hans Deutsch verhaftet. Der Verhaftung ging ein enges Zusammenspiel zwischen dem ehemaligen Oberlandesgerichtsrat im Reichsjustizministerium und damaligen Ministerialdirektor Jéaux de la Croix und dem Ermittlungsapparat der Bonner Staatsanwaltschaft voraus. Einen Tag später verkündeten Schlagzeilen der Weltöffentlichkeit vom „größten Wiedergütmachungssch windel“ der Nachkriegszeit. Zwar beeilte sich der damalige Finanzminister Rolf Dahlgrün zu erklären, „daß aus diesem Einzelfall keine verallgemeinernden Rückschlüsse, gezogen werden können“; doch der Eklat war da: Die gesamte deutsche Wiedergutmachung; in den Augen der Öffentlichkeit ohnedies vielfach eher als Zwang denn als Sühne verstanden, geriet in Mißkredit. Immerhin geht es bei der Wiedergutmachung um Milliardenbeträge. Bonn hat sich verpflichtet, 52,4 Milliarden Mark zu zahlen. 40 Milliarden Mark wurden, bisher geleistet. Der angebliche Schwindel des Professors Deutsch schien jenen recht zu geben, die jegliche Wiedergutmachung verwarfen, weil es ihrer Meinung nach nichts gutzumachen gibt.

Auch hinsichtlich des Verfahrens erinnert bei der Affäre. Deutsch vieles an Dreyfus. Die Zeugen der Anklage gegen Hauptmann Dreyfus waren hohe Militärs, die Zeugen gegen Deutsch sind gleichfalls ehemalige Militärs: hohe SS-Offiziere, oft selbst belastet. Auf manchen von ihnen wartet noch heute der Prozeß. Alles, was zur Entlastung von Dreyfus hätte, dienen können, wurde von der Anklage vom Tisch manipuliert. Und nahezu alles, was im Fall Deutsch zugunsten des Angeklagten spricht, hat die Bonner Staatsanwaltschaft bisher nicht zur Kenntnis genommen.