Ich werde mich auch mit dem Teufel verbünden, wenn er den Kampf der Arbeiter einen Schritt voranbringt", donnerte Trentin, der mächtige Boß der kommunistisch gelenkten Metallarbeiter-Gewerkschaft. Er und seine Kollegen feierten am vergangenen Donnerstag eine Premiere: Erstmals sprachen sie im Turiner Fiat-Hauptwerk Mirafiori, dem Mekka der modernen italienischen Industrie. Kollegen von kleineren Gewerkschaften hatten ihn gefragt, wie man es denn mit linksextremistischen Beiträgen zum Klassenkampf halten solle.

Manche Genossen sind desorientiert. Das "heiße Frühjahr" 1971 bringt nämlich nicht nur überall neue Streiks und soziale Unruhe; gleichzeitig prasseln auch Hiobsbotschaften aus allen Bereichen der italienischen Wirtschaft nieder: In der Textilindustrie wurde amtlich der Krisenzustand verkündet, die Bauwirtschaft ist ohne Aufträge, die Haushaltsgeräteindustrie mußte Kurzarbeit einführen – allein beim größten europäischen Hersteller Zanussi liegen zweieinhalb Millionen Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernsehgeräte auf Lager. Italiens Industrieproduktion geht seit Februar ununterbrochen zurück. Die Unternehmer investieren nicht mehr.

Nach zwei Jahren haben die Gewerkschaften damit herbeigeführt, was nach so vielen Streiks, Lohnerhöhungen und Produktivitätsminderungen zu erwarten war: Die Rezession hat begonnen, und die Arbeitsplätze sind in Gefahr. In der entscheidenden Auseinandersetzung dieses Frühjahrs, die bei Fiat ausgetragen wurde, zeigte die Masse immer mehr Kampfesmüdigkeit: Zur letzten Maischicht rückten 80 Prozent der Arbeiter ins Werk, obwohl die Gewerkschaften Streiks verkündet hatten.

Je unlustiger die Massen werden, um so mehr werden sie jedoch durch die Kader aufgepeitscht: Aktivisten schlugen Abteilungsleiter bei Fiat krankenhausreif, wurden selbst von Arbeitern verprügelt, jagten bei Zanussi die Angestellten aus den Büros. Mitglieder der Roten Garde ließen beim Nähmaschinenhersteller Necchi Bomben hochgehen und versuchten in einem Hüttenwerk gar, einen Hochofen in die Luft zu jagen.

Sogar bei der noch vor kurzem dem Vatikan gehörenden Spaghettifabrik Pantanella in Rom halten Arbeiter die Werksanlagen besetzt. Die Amerikaner wollen den völlig unrentablen Betrieb schließen, doch die Römer bangen um ihre Arbeitsplätze. Einer von ihnen sprach allen aus dem Herzen: "Uns ist es gleich, was wir hier produzieren. Aber wir wollen weiter arbeiten." Und natürlich mehr verdienen.

Ohnmacht der Behörden, Schweigen der Staatsgewalt zu kriminellen Streikübergriffen, rechtlose Unternehmer und von links überfahrene Gewerkschaften, mutwillige Zerstörung und Millionenverluste, die schließlich alle zusammen bezahlen müssen: Das ist seit zwei Jahren der Alltag in Italiens Produktionszentren.