Wissenschaftler, die mit Affen oder Halbaffen experimentieren, wissen schon seit langem, daß Tiere als Folge von Gehirnverletzungen oft gewisse Körperfunktionen nicht mehr ausführen, die verlorengegangene Fähigkeit aber nach einiger Zeit wiedergewinnen können. Dabei, so glauben sie, übernehmen die vorderen und oberen Regionen der Großhirnrinde die stillgelegten Funktionen der beschädigten Gehirnsphäre. Solche Funktionsverlegungen gibt es aber nicht nur innerhalb der Großhirnrinde, sondern auch von einem Gehirnabschnitt zum anderen, wie etwa wenn das Rückenmark Aufgaben eines beschädigten Kleinhirns übernimmt:

Ein Physiologe der Universität von Sardinien, M. L. Giretti, hat nun nachgewiesen, daß das Rückenmark auch Funktionen einer verwundeten Großhirnsphäre übernehmen kann (Experimental Neurology, Band 30). Aus seiner Arbeit ergeben sich möglicherweise weitreichende Konsequenzen für die Behandlung von Gehirnverletzungen beim Menschen, besonders durch Unfälle und Schlaganfälle. Giretti entfernte an 21 Meerschweinchen jene Teile des Großhirns, die für die Bewegung der rechten Körperhälfte verantwortlich sind und stellte sofort nach der Operation schwere Haltungsverzerrungen fest: Die Körper waren nach rechts verdreht, die Stellung der Gliedmaßen war unsymmetrisch. Jedoch zehn bis vierzehn Tage später bewegten sich die Versuchstiere wieder völlig normal; die Funktionen des verwundeten Gehirnteils waren von einem anderen Gehirnabschnitt übernommen worden.

Als Giretti bei neun dieser Tiere noch zusätzlich das Rückenmark in halber Höhe der Wirbelsäule völlig durchtrennte, stellten sich die Verrenkungen sofort wieder ein, dauerten aber nur drei bis sechs Stunden an; überraschenderweise wurde auch jetzt wieder ein Normalzustand erreicht. In weiteren fünf der 21 operierten Versuchstiere schnitt Giretti in einem anderen Versuch zwar nicht das Rückenmark, aber die zuführenden Nervenverbindungen zum Hauptnervenstrang ab – mit demselben Ergebnis. Schließlich entfernte er bei fünf der restlichen Tiere die Wurzelzuführungen des Rückenmarks entweder nur an der rechten oder nur an der linken Körperseite. Das Resultat: Die abnorme Haltung der Tiere war ausgeprägter, wenn die Wurzelzuführungen an jener Seite abgeschnitten wurden, an denen das Gehirn operiert worden war.

Friedrich Abel