Die Nationale Befreiungsfront (NFL) Südvietnams hat die Kontroverse, die nach der Veröffentlichung der Pentagon-Studie über den Vietnam-Krieg in den USA ausgebrochen ist, zu einem psychologisch-geschickten Schachzug benutzt. Auf der 119. Sitzung der Pariser Verhandlungsrunde legte sie einen neuen Sieben-Punkte-Plan vor, der einer wichtigen Vorbedingung Präsident Nixons entgegenkommt: Die Freilassung der Kriegsgefangenen wird zeitlich mit dem Rückzug fest verknüpft.

Washington prüft diesen Plan mit Interesse – auch ohne die Ankündigung der Kriegsgegner im Kongreß, man werde Nixon zwingen, darauf einzugehen. Die Senatoren Hatfield und McGovern drohten sofort mit einer Neuauflage ihres Entschließungs-Antrags, alle Truppen bis zum 31. Dezember 1971 abzuziehen.

Obwohl die NLF in der Kette der gegenseitigen Annäherung einen wichtigen Schritt getan hat, hält die amerikanische Regierung den Plan in einigen Punkten für unannehmbar. Der Abzugstermin Ende 1971 erscheint ihr verfrüht, obwohl Verteidigungsminister Laird überraschend erklärte, ein Abzug bis Jahresende sei möglich, werde allerdings Milliarden kosten, weil nicht alles Kriegsmaterial abtransportiert werden könne.

„Entschieden unannehmbar“ beurteilt Washington die Forderungen, eine Koalitionsregierung unter Bedingungen einzurichten, die allein dem Urteil der NLF unterliegen, und die Vietnamisierungspolitik zu stoppen. Ebenso wird eine Garantie dafür vermißt, daß Hanoi nach dem Abzug der Amerikaner nicht weiter gegen die Südvietnamesen kämpft – offiziell leugnet Nordvietnam, reguläre Truppen in den Süden geschickt zu haben. Insgesamt – so das Washingtoner Urteil – zeigt sich Hanoi aber versöhnlicher.

Aufmerksam wurde zudem registriert, daß die NLF den südvietnamesischen Vizepräsidenten Ky, in den kommenden Wahlen Gegenkandidat des amtierenden Präsidenten Thieu, nicht mehr namentlich als Kriegstreiber erwähnt. Ky erklärte denn auch dem Berater des amerikanischen Präsidenten Kissinger, er habe keine Einwände gegen einen festen Rückzugstermin. Außerdem sei ein Umbau der gegenwärtigen Regierung dringend geboten: eine Redewendung, die in Saigon als indirekte Aufforderung zum Sturz Thieus empfunden wurde.