Ich kann diese Linken nicht leiden. Überall laufen sie jetzt mit diesem widerlichen „Haben-wir’s-nicht-immergesagt?“-Gesicht herum.

„Haben wir’s nicht immer gesagt?“ haben sie schon damals gesagt, als es mit dem Dullesschen Rollback und mit der Adenauerschen Politik der Stärke, durch die wir die Wiedervereinigung bekommen sollten nicht geklappt hatte. Jetzt, nach den Vietnam-Enthüllungen, gehen sie einem mit ihrem rechthaberischen Getue ganz schön auf die Nerven.

Um mich nicht dauernd von oben herab ansehen zu lassen, gehe ich ihnen aus dem Wege und verleugne mich am Telephon. Die ganze Sache mit Vietnam ist mir einigermaßen peinlich. Dabei bin ich eigentlich gar nicht schuld an dieser Panne. Schuld sind vielmehr meine Ostasien-Experten- und Vietnam-Berater. Sie sind anscheinend vom gleichen Kaliber wie die Berater des letzten amerikanischen Präsidenten und wurden von mir nach ihrer Kenntnis der besten chinesischen Restaurants von Bremerhaven ausgesucht. Anders kann ich mir ihre Fehlschlüsse nicht erklären. Jetzt sind sie wie vom Erdboden verschwunden.

Wo steckt zum Beispiel mein famoser Vietnam-Berater Charlie? Ich würde ihn einiges fragen. Etwa, was er heute von der Domino-Theorie hält, die er mir damals so warm ans Herz gelegt hat. Und dazu die Freiheit der Vietnamesen, die es zu schützen gelte.

Oder Jimmy, der sich einst so stark gemacht hat für eine Ausweitung des Krieges, und zwar durch Bombenteppiche auf Nordvietnam, von deren Wirksamkeit damals selbst der sonst nicht zartbesaitete CIA viel zu halten schien, wie wir jetzt wissen. Hanoi müsse an den Verhandlungstisch gebombt-werden, sagte Jimmy damals – wörtlich.

Oder Wim. Wim – wie war das damals mit dem Tongking-Zwischenfall, als du so böse auf das hinterlistige Hanoi gewesen bist und zugleich die vornehme Zurückhaltung der Herren Rusk, McNamara und Johnson lobtest? Alles vergessen? Oder Frankie, auch ein famoser Ostasienexperte, der alle Jahre wieder von der Saigon-Front zurückkam und mir Wunderdinge von der Pazifizierung berichtete. Und mir immer neue Endsieg-Termine nannte, die er wohl direkt aus Westmorelands Hauptquartier zu haben schien.

Ja, und dann Artur, der bekannte Kommentator, der sich so um die Leiden des vietnamesischen Volkes sorgte und darum zu immer neuen Eskalationen des Krieges riet. Artur habe ich wiedergetroffen. Vorgestern. Nein, er sank bei meinem Anblick nicht vor Scham in den Boden. Als ich zaghaft wagte, die Vietnam-Dokumente zu erwähnen, fuhr er mir brüsk über den Mund. Das sei doch alles nicht neu, das habe man doch alles gewußt. „Ach“, sagte ich verwundert, „und warum nie gesagt, nie geschrieben?“

Diesen Einwurf überging er und schnitt gleich ein anderes Thema an: das baldige Ende des Vietnamkrieges. Anscheinend verspricht er sich viel von der Vietnamisierung.