Die Ironie der Universitätsgeschichte will es, daß die Frage, wie lange es freie Universitäten überhaupt noch geben kann, sich immer wieder und am dringlichsten bei jener Hochschule stellt, die sich einst in westlicher Überheblichkeit den Namen Freie Universität gegeben hat. Dabei war von Anfang an keine westliche Hochschule des zwanzigsten Jahrhunderts so abhängig wie diese Westberliner Universität: vom "Frontstadt"-Geist zunächst und von amerikanischen Subventionen, von Gruppen, die – unversehens oder zielstrebig – an die Macht kamen.

Mit anderen Worten: Diese Universität, die sich die Freie nannte, war nie auf eine weltweite Autorität in Forschung und Lehre gegründet – wie etwa Heidelberg oder Göttingen oder Leipzig oder auch Ostberlin. Eine soschlichte Feststellung mag als hart empfunden werden, vor allem im Hinblick auf ein paar Ausnahmen, die sich gewiß finden ließen. Sie ist dennoch nötig, wo Klarheit beabsichtigt wird. Vernebelt wird Klarheit durch den Kla- – geschrei, die Universität Berlin verlöre unter ihrem derzeitigen Präsidenten ihren Weltruf, Sie hatte – als Institution der Forschung und Lehre – keinen Weltruf zu verlieren.

Wenn man mit der gebotenen Nüchternheit sieht, daß die Freie Universität Berlin in der kurzen Zeit ihres Bestehens nie frei und nie ein anerkannter Hort internationaler Gelehrsamkeit war, dann erscheinen manche der Klagen, die gegen das Regiment des derzeitigen Präsidialamtes immer lauter werden, als demagogische Waffen im Kampf der einen Clique gegen eine andere.

Unter Präsident Kreibich ist die FU nicht abhängiger geworden – aber wohl auch nicht freier; sie hat an Weltruf nicht verloren – allerdings auch kaum gewonnen; gezielte Störaktionen radikaler Feinde der bestehenden Universität haben nicht aufgehört – sind jedoch eher weniger geworden als unter dem letzten Ordinarien-Rektorat.

Viele hatten sich von dem so progressiv anmutenden Berliner Universitätsgesetz und vom ersten nach diesem Gesetz gewählten; Präsidenten mehr versprochen. Viele fürchten, den unleugbar planmäßigen Eroberungstendenzen durch kommunistische Kader – auf dem Weg über Assistenten, Tutoren und Majorisierung von Gremien – werde keinausreichender Widerstand entgegengesetzt.

Wir wollen all dem noch einmal nachgehen,obwohl wir uns manchmal selber vorwerfen, bei unseren mit Universitätsproblemen weniger vertrauten Lesern den Eindruck zu erwecken, es gebe nur zwei Universitäten, die Interesse verdienten, Berlin und Bremen.

Aber da gibt es immerhin die These, die sowohl von Freunden wie von Gegnern der FU vertreten wird: Was heute in Berlin geschieht, geschieht morgen in Westdeutschland. Da an dieser These erwiesenermaßen einiges richtig ist, müssen wir die Geduld unserer an Berlin oder an Universitäten nicht speziell interessierten Leser strapazieren: Die Situation der EU Berlin soll heute (auf Seite 14) und in den nächsten Nummern von verschiedenen Seiten beleuchtet werden, um den Antworten näher zu kommen auf Fragen wie: Was bedeutet Mitbestimmung in der Wissenschaft? Welche gesellschaftliche Funktion hat die Universität heute? Ist Berlin ein Außenseiter oder ein Vorreiter der Entwicklung? War "akademische Freiheit" eine aufbestimmten historischen Voraussetzungen beruhende liberale Illusion?

Rudolf Walter Leonhardt