Von Mario Szenessy

Sechs Jahre hat es gedauert, bis jener Roman, der in Ungarn eine neue literarische Epoche einleitete, auch in Deutschland erschienen ist –

Ferenc Santa: „Zwanzig Stunden“, Roman, aus dem Ungarischen von Johann von Bohus; Bogen-Verlag, München; 192 S., 12,– DM.

Allerdings: auch in Ungarn mußten acht Jahre nach dem Aufstand 1956 vergehen, ehe sich ein Verlag bereitfand, den Roman zu veröffentlichen; denn er wirft, mit Ausnahme einer einzigen, alle Forderungen des sozialistischen Realismus und die Lehre des Marxismus-Leninismus vom Klassenkampf als dem wichtigsten Vehikel der Entwicklung der Gesellschaft über Bord.

Der Kampf, der im Roman geschildert wird und der auf Leben und Tod geht, wird von den Angehörigen einer einzigen Klasse ausgetragen, ja mehr noch, die im Vordergrund stehenden vier Bauernfamilien hatten vor dem Zweiten Weltkrieg in einer gemeinsamen Lehmhütte des gräflichen Landguts zusammengepfercht gelebt. Doch während sich die vier Familienoberhäupter bei der Aufteilung des Landes nach dem Krieg noch einig waren, entwickelten sie sich später je nach ihrem Temperament und Charakter auseinander. Der eine wurde Parteisekretär und später Dorfpolizist, der andere Vorsitzender der LPG und die verbliebenen zwei, nicht zuletzt wegen der mitunter brutalen Schikanen des Parteisekretärs und des LPG-Vorsitzenden, zu Gegnern des Regimes. Während des Aufstands versucht der eine, den LPG-Vorsitzenden umzubringen; der andere wird vom Dorfpolizisten erschossen.

Da der Roman zum Zeitpunkt seines Erscheinens in Ungarn in hohem Maße ein Politikum war, ist es unumgänglich, seine wichtigsten politischen beziehungsweise ideologischen Aspekte aufzuzeigen. Er baut die Legende von der Einmischung der „Imperialisten“ und der leitenden Rolle der ehemaligen herrschenden Schichten im Aufstand ab; er beweist vielmehr, daß dieser die unvermeidliche Konsequenz der Politik des Rákosi-Regimes selber war. Er läßt seine Helden über die Unzulänglichkeiten in der Verwaltung, die infolge der „Liberalisierungspolitik“ aufgetreten sind, genauso offen sprechen, wie sie über Stalin und Rákosi schimpfen und sich über die „hartgesottenen alten Stalinisten lustig machen. Er zeigt viele entgegengesetzte Standpunkte und stellt viele Fragen, ohne sie zu beantworten, und eben dadurch dokumentiert er, daß auch in der „klassenlosen“ Gesellschaft nicht zu schlichtende Interessengegensätze auftreten.

Auf der anderen Seite: die wahnwitzige Gesellschaftspolitik der Partei vor dem Aufstand hatte eben jene Leute in eine Interessengemeinschaft getrieben, die laut marxistischer Theorie miteinander im härtesten Klassenkampf hätten liegen müssen; ein Großbauern-(„Kulaken“-) Sohn, der nach dem Bekanntwerden seiner „klassenfremden“ Abstammung von der Universität gefeuert, ins Gefängnis und dann ins Konzentrationslager gesteckt wurde, hatte seine Zelle mehrere Male mit einem Parteimitglied geteilt, das sich durch seine ständigen Hinweise auf die Abweichungen der Partei von dem richtigen Kurs bei ihr mißliebig gemacht hatte.