Das Stück ging genau so zu Ende, wie es das geschickte dramatische Konzept will: Die Besucher applaudierten mitten in den „Glory, Glory, Glory, Glory“-Schlußsong hinein, dann standen sie auf, sangen mit und klatschten nunmehr im Rhythmus, und wenn es nicht doch ein bißchen unschicklich gewesen wäre, wären sie womöglich auf die Bänke geklettert und hätten in den Gängen getanzt, in den Beinen hatte es sowieso schon lange gezuckt. Aber die Vorstellung, die sie eben gehört – und nicht zuletzt: gesehen – hatten, war in einer Kirche vonstatten gegangen, in der Jesuskirche von Den Haag und vorher an die zweihundertmal in ausverkauften belgischen Kirchen unter dem Beifall von Hirten und Oberhirten beider Konfessionen. Es war der jüngste, der konsequenteste und offenbar auch erfolgreichste Versuch mit einer „neuen musikalischen Kunstform“ in der Kirche. Im nächsten Monat wird die „Klangbibel“ mit dem Titel „Glory Halleluja 2000“ auch auf deutsch zu hören sein, in Österreich erst, dann in Altötting, dann in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, auch bald auf Schallplatten.

Was das Kirchenpublikum in Belgien und nun in Holland, das dergleichen forsche Reformversuche ja schon eine ganze Menge kennt, so aus dem Häuschen brachte (und wenigstens an diesem Abend wieder in die Kirche), war ein musikalisch-visuelles Spektakel, dessen Mittel der Waffenkammer des Showbusiness entnommen waren. Zwischen Rock’n’Roll, Blues, Protestsong einerseits und Slowfox, Samba, Schlagerlied andererseits vollzogen sich die musikalischen Ereignisse. Der Komponist Jan Leopold, Direktor der Musikakademie von Wemmel bei Brüssel, hat sich die Elemente mit sicherer Hand zusammengeklaut und ebenso wirkungsvoll arrangiert. Ihm kam es wohl gar nicht auf die Originalität der Mittel an, sondern auf die Originalität ihrer Verwendung. Die Sache hatte Schwung, ganz ohne Zweifel, und brachte christliche Botschaft sicher an die Empfänger.

Basis des Librettos von Valeer van Kerkhove ist sozusagen eine Kurzfassung der Bibel, Altes und Neues Testament, deklamiert oder rezitativartig vorgetragen. Sie ist das dokumentarische Gerüst, zwischen dessen Pfeilern freie Texte verschiedener Formen eingehängt sind und teils salopp-vertraulich, teils aggressiv-zeitkritisch die christliche Mission auch politisch reflektieren.

Unter dem zehnköpfigen Ensemble aus Musikern und Laien, das mit statuarischer Haltung und folkloristisch-klösterlichem Habitus sein zur Zeit gängiges Pop-Instrumentarium mit Hammondorgel, Mundharmonika, Flöte, Saxophon, Gitarre kontrapunktierte, fielen vor allem die drei jungen Mädchen auf: drei ungewöhnliche, voluminöse Stimmen von ausdrucksvoller Klangfärbung, gewandt und intensiv benutzt, zugleich feierlich, dramatisch (und sexy).

„Miloscope“ heißt die Gruppe: „Milo“ nach dem Vornamen des belgischen Showproduzenten Decoster, der als Impresario (etwa von Trini Lopez, den Beatles, Tom Jones) Erfolg hatte und dann „plötzlich von der Idee gepackt“ war, „endlich etwas Gutes, Sinnvolles zu bringen“ – und „scope“ nach den gewieften Showeffekten, die das Ereignis sehr gezielt mit buntem, blinkendem, wanderndem, sich auch ungeheuer symbolisch gebärdendem Licht übergießen. Manchmal ist das überzuckerter Zuckerguß, manchmal eine ganz aromatische Soße.

Langweilig war nur ein traditionelles Zwischenspiel auf der Orgel, auf der der Komponist, wohl im eigentlichen Metier, Bachs Toccata d-Moll spielte: Opas Orgelkunst, breit und etwas gichtig. M. S.