ARD, Sonntag, 4. Juli: „Der Kaufmann von Venedig“

Ziemlich genau ein Jahr nach Kortners Tod brachte der WDR in einer Wiederholung die Schenk-Inszenierung des „Kaufmanns von Venedig“. Noch einmal wurde deutlich, wie sehr dieser Shylock durch die Erfahrungen der jüngeren deutschen Geschichte gegangen ist. Shylock war ursprünglich sicherlich nicht Held des Schauspiels, vielmehr Antagonist zu der Gruppe der Helden Antonio, Bassiano, Porzia. Er ist die Kontrastfigur, die Shakespeare brauchte, um das „Licht der Gnade“ – eine christliche Erfindung, wie man damals noch glauben mochte – recht leuchten zu lassen. Noch Max Lüthi singt dieses Lied von der allverzeihenden Gnade, die menschliches Dasein erst menschlich macht.

Fritz Kortner und Otto Schenk haben es anders verstanden. In faszinierendem Spiel drängt Kortners Shylock die Einsicht auf, daß seine Bosheit, Rachsucht, Hinterlist und Unmenschlichkeit nicht zwangsläufig angeborene Charakterfehler sind, sondern Reaktion auf eine ständig ertragene Unterdrückung im Namen des Neuen Testaments. Wie tückisch, lächerlich, rechthaberisch dieser Shylock auch immer sein mag, er macht nur um so deutlicher, um wieviel grausamer ein Christentum ist, das seinen Gegner verhöhnt, bespuckt, auf jede nur denkbare Weise demütigt, um dann, als es brenzlig wird, die Gnade von dem zu erwarten, der ihrer nie teilhaftig wurde. Diesen Aspekt herauszuholen war nicht allein Kortners Verdienst. Vielmehr auch der Sabine Sinjens, die in ihrem Spiel der als Rechtsgelehrter verkleideten Porzia schon ihre eigene Forderung nach Gnade durch Spott und List ad absurdum führte. Sie, treibt ein abgekartetes vernünftelndes Spiel auf der Basis des hinter ihr stehenden Christentums und des venezianischen Rechts; sie ist keineswegs die heitere Renaissancefigur mehr, die die Harmonie des Alls wünscht, die an das Gute schlechthin glaubt. Ihre Forderung, Shylock möge Christ werden, ist höhnische Demütigung aufs, neue. Antonio (Max Eckard) ist nicht länger der Edle, der, der ohne Zins leiht, der bereit ist, für Freunde Gut und Leben hinzugeben: Diese Haltung wirkt vielmehr bei Eckard flach, zufällig, von Herrenmenschentum angekränkelt. Antonio ist ohne Initiative, Spielball nur der Handlung. Ähnlich Folker Bohnet als Bassiano: Neben der dominierenden einsam verhärteten Beharrlichkeit des Shylock wirken seine Versuche, Leben und Gut nun seinerseits für den Freund in die Waagschale zu werfen, bedeutungslos. Sabine Sinjen nimmt ihm dann ja auch – schauspielerisch, wie im Handlungsverlauf –, die Fäden aus der Hand. Schon beim Kästchenspiel hat sie ein für allemal demonstriert, daß sie, durchaus nicht bereit ist, alles dem Schicksal zu überlassen. Bassiano hätte blind und taub sein müssen, um an ihren beredten Gesten die richtige Wahl nicht abzulesen.

Lebhaft, kräftig, mit viel aktivem venezianischen Leben angereichert, in fast allen Rollen gut besetzt, entfaltete die Fernsehinszenierung einen sinnvollen Realismus, in dem Kortners Shylock zur nachdrücklichen Gestalt des Außenseiters wurde, eine von ihrer Umwelt verhärtete und schließlich zerstörte Figur. Ursula Buss