Die Krisen an der sich so qualvoll entwickelnden Universität Bremen sind schön zur Gewohnheit geworden. Diesmal waren die Mathematiker betroffen, ausgerechnet die Fachschaft, die vom Tauziehen um die Berufungen ausgenommen gewesen war. Der Ärger – er hat sich an der Politik des Planungsausschusses entzündet – veranlaßte den auf Lebenszeit an die Universität berufenen Mathematikprofessor Klaus Barner zu erklären: „Mit einer sozialistischen Mathematik bin ich nicht einverstanden.“ Ähnlich unmutig soll sich sein Kollege Walter Oberschelp geäußert haben, der es denn auch vorzog, seinen Ruf nach Bremen gar nicht erst anzunehmen und statt dessen an die Universität Aachen zu gehen.

Sozialistische Mathematik, das haben sich gewiß viele, die Barners Ausruf in der Zeitung gelesen haben, wundernd gefragt, gibt es die denn überhaupt? Ist sozialistisch gerechnet vielleicht zwei mal zwei für die Herrschenden fünf und für die Lohnabhängigen drei? Oder wollen Sozialisten in der Algebra etwa nur noch „Linksideale“ zulassen? (Rechts- und Linksideale sind in der Mathematik abstrakte Mengen mit bestimmten Eigenschaften).

Ernsthaft betrachtet, so meint man doch, hat Mathematik – die Wissenschaft, in der nur gilt, was lückenlos bewiesen worden ist – mit Ideologie nichts zu tun.

Wer solches glaubt, der kennt die Wirklichkeit an unseren Universitäten nicht. Was nämlich sozialistische Mathematik sein kann, das läßt sich zum Beispiel in einem verbreiteten Flugblattentwurf der Fachschaft Mathematik, Physik, Chemie an der Universität Frankfurt nachlesen. Darin heißt es im Zusammenhang mit der (gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstandenen) mathematischen Gruppentheorie: „Solche falschen Theorien gibt es viele. Sie haben eines gemeinsam: Sie leugnen, daß die Entwicklung der Natur und der Gesellschaft durch ihre inneren widerstreitenden abnehmenden und zunehmenden Kräfte vorangetrieben wird. In der Praxis gibt es keinen negativen Apfel. Trotzdem sollen die Studenten in der Theorie damit umgehen. Damit sollen sie bereits in der Grundlage der Mathematik schlucken, daß die Theorie losgelöst ist von der Praxis, dem Produktionskampf, dem Klassenkampf und dem wissenschaftlichen Experiment.“

Und weiter: „Die imperialistische Bourgeoisie will die Studenten für sich einsetzen. Sie sollen der verfaulenden Kraft dienen. Dazu müssen sie belogen werden ... sie müssen eine Theorie lernen, die sie nicht in der Praxis prüfen können.“

Die Professoren Barner und Oberschelp wollen sich fraglos nicht damit begnügen, nur Theorien zu lehren, die Studenten in der Praxis prüfen können. Auch möchten die Wissenschaftler wohl kaum auf so mächtige Instrumente der mathematischen Erkenntnis verzichten wie die Gruppentheorie, nur weil man sie weder auf Äpfel noch auf den Klassenkampf anwenden kann.

So ist die Abneigung der beiden Gelehrten gegen eine sozialistische Mathematik allzu verständlich. Vielleicht erinnern sie sich ja auch noch daran, daß es vor nicht langer Zeit erst peinliche Versuche gegeben hat, naturwissenschaftliche Inhalte zu politisieren, zum Beispiel in der „Deutschen Physik“ des Nobelpreisträgers Philipp Lenard, der den Nachweis führen wollte, daß die Relativitätstheorie „typisch jüdisch, undeutsch, dekadent und darum falsch“ sei, oder in der Biologie des Stalinpreisträgers Trofim Lyssenko, der aller wissenschaftlichen Erfahrung zum Trotz die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften „bewies“, weil es die herrschende Ideologie just so verlangte.

Fürwahr, Hemholtz hatte zu früh gejubelt, als er auf die Leidensgeschichte Galileis zurückblickend bemerkte, die Mathematik und die exakten Naturwissenschaften hätten sich inzwischen gottlob für alle Zeiten von der ideologischen Bevormundung emanzipiert.