Von Jochen Steinmayr

Als ich im Dezember 1970 nach Moskau kam, war er gerade auf den Fidschi-Inseln und meldete sich van dort telephonisch. „Er muß ein wenig Wärme habe, ausspannen“, sagte seine Frau. Kurz zuvor hatte Victor Louis einen Koffer voll ungeordneter Notizen nach Kopenhagen geschleppt: Nikita Chruschtschows fragmentarische harmlose Memoiren.

Als ich ihn vor vier Wochen anrufen wollte (Moskau 149 71 59), war er unterwegs „ans Mittelmeer“. Später stand in den Zeitungen, er habe vorgeblich bei Dr. Harel in Tel Aviv – einem alten Bekannten, der bis 1963 Israels Botschafter in Moskau war – seinen Hexenschuß behandeln lassen. In Wirklichkeit sondierte Louis mit Dienstpaß die Wiederaufnahme der israelisch-sowjetischen Beziehungen. Und vorige Woche war es Victor Louis, der in der westlichen Presse die Ursache der Sojus-Katastrophe enthüllte.

Unstet und zwielichtig ist die Existenz, schwer durchschaubar die Persönlichkeit dieses VictorLouis, der immer dort als ominöser Mittler zwischen Moskau und dem Westen in Erscheinungtritt, wo delikate sowjetische Interessen auf dem Spiele stehen. Dennoch nenne ich diesen, schillernden Typ meinen Freund – mit all der Nachsicht, die man Freunden schuldet.

Er redet sich bis zur Selbsttäuschung ein, nichts anderes als ein besonders geschickter Journalist zu sein, der seine Verbindungen nützt. Als er mir mit wissendem Lächeln eine Kopie von Swetlana Stalins damals noch unveröffentlichtem Tagebuch in die Hand drückte, sagte er professionell: „Gewäsch einer Diktatorentochter, aber garantiert authentisch. Die dumme Person hat vor ihrer Flucht Abschriften bei Freunden hinterlassen.“ Er sagte nicht, wer mit welchen Druckmitteln diese Duplikate aufgestöbert, wer ihn zur Weitergabe ermächtigt hatte. Aber authentisch war die Abschrift.

Zornesröte erhitzt sein Gesicht, wenn westliche Zeitungen ihn als „Agenten“ und „Werkzeug des Kreml“ apostrophieren. Freunden wie Fremden fällt es angesichts seiner Nachrichten-Coups und sonderbaren Missionen gleichermaßen schwer, seine Entrüstung ernst zu nehmen. Kein russischer Zeitungsleser hat je eine Zeile von Victor Louis gelesen. Nur als Korrespondent im Westen erscheinender Blätter (Londoner Evening News, Washington Post, bisweilen auch die US-Journale Holiday und Parade) machte er sich seinen Namen.

Er liefert farblose Reisereportagen und manchmal Weltsensationen, die seine englische Ehefrau sprachlich poliert. Als erster meldete er den Sturz Chruschtschows. Zwölf Stunden vor der Invasion der Tschechoslowakei prophezeite er aus Moskau „Rußland bereit, Dubček niederzuschlagen“. Im September 1969 berichtete er vom geheimgehaltenen Treffen Tschou En-lais mit Kossygin. Wenig später deutete er die Möglichkeit eines russischen Angriffs auf das chinesische Atomzentrum Lop Nor an. Dann reiste er nach Formosa, traf mit dem Sohn Tschiang Kei-scheks zusammen. „Um Mao zu verunsichern“, schrieb damals die New York Times.