Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Nixons außenpolitischer Spielraum in Vietnam wird mehr und mehr durch innenpolitische Rücksichten eingeengt: bei der Wählerschaft, im Senat, sogar bei den Militärs.

Seit vergangener Woche ist das aktive Wahlrecht in den Vereinigten Staaten von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt; rund elf Millionen Jüngstwähler können 1972 bei der Präsidentenwahl an die Urnen gehen. Neueste Untersuchungen haben ergeben, daß die große Mehrheit der drei neuen Wählerjahrgänge auf jeden Fall für einen Kandidaten der Demokratischen Partei stimmen wird, wenn er bereit ist, einen festen Termin für den endgültigen Abzug der Amerikaner aus Vietnam zu nennen oder wenn es dem Präsidenten bis zum November 1972 nicht gelingt, sich aus Indochina herauszuziehen.

Andere starke Faktoren wurden sichtbar, als der Senat einer Entschließung des demokratischen Fraktionsvorsitzenden MikeMansfield zustimmte, die einen Abzug aller amerikanischer Truppen aus Vietnam in neun Monaten vorsieht – vorausgesetzt, daß alle amerikanischen Kriegsgefangenen in Nordvietnam freigelassen werden. Zwar hat das Repräsentantenhaus ähnliche Anträge abgelehnt, aber doch nur mit einer beträchtlich zusammengeschmolzenen Mehrheit der „Falken“.

Die Kriegsmüdigkeit hat auch schon auf das Pentagon übergegriffen. Verteidigungsminister Melvin Laird verhehlt kaum noch sein Verlangen nach einem beschleunigten Abbau des amerikanischen Engagements. Ihn unterstützen jetzt sogar die Stabchefs, die wegen des zunehmenden moralischen Verfalls der amerikanischen Streitkräfte besorgt sind. Das Umsichgreifen der Heroinsucht bei der Truppe in Vietnam und die Prozesse um das Massaker von My Lai lassen der Generalität eine „Pause zur inneren Gesundung“ der Armee ratsam erscheinen.

Auf diese amerikanische Seelenlage ist der neue Friedensvorschlag der südvietnamesischen Befreiungsfront bei den Pariser Verhandlungen abgestellt. Alle Kriegsgefangenen sollen innerhalb der Frist eines endgültigen, totalen Abzugs sämtlicher US-Truppen frei werden. Dieser Plan lehnt sich dem Vorschlag Senator Mansfields an, der wiederum auf eine Formel zurückgriff, die der frühere Verteidigungsminister Clifford nach Fühlungnahmen mit Hanoi geprägt hatte.