Wenn Richard Nixon dadurch in eine prekäre Lage manövriert wurde, so ist er daran nicht ganz unschuldig. Er war es, der die Freilassung der etwa sechshundert amerikanischen Kriegsgefangenen zu einer der wichtigsten amerikanischen Vorbedingungen erhob. Dabei hat die amerikanische Öffentlichkeit fast ganz überhört, daß er stets auch eine zweite, politisch bedeutungsvollere Bedingung stellte, die er bis heute nicht hat fallenlassen: Amerika werde sich endgültig erst zurückziehen, wenn Südvietnam militärisch in der Lage sei, sich selbst gegen eine kommunistische Machtübernahme zu behaupten.

Da die NLF jetzt bereit ist, die erste, aber nicht die zweite Bedingung Nixons zu akzeptieren, stellt sie den amerikanischen Präsidenten gleichsam vor die Wahl zwischen den amerikanischen Kriegsgefangenen und dem südvietnamesischen Staatspräsidenten Thieu. Denn das Gesamtpaket, das die Kommunisten in Paris auf den Tisch legten, besteht eben einerseits aus dem Angebot, die Kriegsgefangenen freizulassen, anderseits aus der Forderung, die Vietnamesen sollten ohne irgendwelche äußere Einmischung die Zukunft Vietnams allein regeln. Wie das aussehen würde, wenn die Amerikaner innerhalb einer gesetzten Frist mit Sack und Pack abziehen, kann sich jeder leicht ausmalen.

Druck auf Nixon kommt auch noch aus einer anderen Ecke. In der veröffentlichten und vom Obersten Bundesgericht freigegebenen Pentagon-Studie wird zwar das Verhalten aller amerikanischen Regierungen seit Präsident Truman ins Zwielicht getaucht, aber nichts über die Vietnam-Politik Richard Nixons enthüllt. Könnte er sein früheres Versprechen, Amerika bis zum nächsten Frühjahr aus Vietnam zu lösen, nicht einhalten, dann würde genau das eintreten, was er um jeden Preis vermeiden will: In der Präsidentenwahl 1972 wäre Vietnam noch einmal das vorrangige Thema.

Die Demokraten würden keinen Augenblick zögern, ihm die gleichen Verschleierungen und Mißgriffe vorzuwerfen, die vier Präsidenten vor ihm begangen haben. Aus den Pentagon-Papieren läßt sich nachweisen, daß noch Lyndon Johnson dem Drängen einiger Ratgeber widerstanden hat, Operationen in Kambodscha und in Laos zu führen – Empfehlungen, die Nixon dann ausführte, obgleich er versichert hatte, er wolle das amerikanische Engagement drosseln, nicht ausweiten.

Daher setzt sich heute im Weißen Haus die Absicht durch, den NLF-Vorschlag bei aller Skepsis aufzugreifen, obgleich sein zweiter Teil über die Zukunft Südvietnams als unannehmbar betrachtet wird. Auf jeden Fall soll, um die Stimmung in Amerika aufzufangen, der Abzug aus Vietnam beschleunigt werden. Darüber verhandelte Henry Kissinger, der Berater des Präsidenten für Angelegenheiten der nationalen Sicherheit, in Saigon. Vizepräsident Agnew und Verteidigungsminister Laird prüften die Reaktionen der asiatischen Länder, für die das Verhalten Amerikas nach wie vor ausschlaggebend ist. Alles in allem besteht kaum noch ein Zweifel, daß Nixon – auch falls er vorweg keinen endgültigen Rückzugstermin nennen will – doch das amerikanische Expeditionskorps in Indochina beschleunigt bis nahe an den Nullpunkt herabschrauben wird.