Die Halbjahresbilanz per 30. 6. 1971 ist für die deutschen Aktienbesitzer insgesamt positiv. Sie können durchschnittlich einen Kursgewinn von 10 Prozent buchen. Wenn die Freude über diesen Anstieg der Kurse nur mäßig ist, so liegt es daran, daß nach den ersten beiden Monaten dieses Jahres der Kursindex bereits um 20 Prozent geklettert war, seither also die Hälfte des seinerzeit eingetretenen Gewinns wieder verlorengegangen ist.

Die Kursentwicklung war sehr differenziert. Zu den großen Gewinnern (mit einem Durchschnittsplus von 21 Prozent) sind im ersten Halbjahr 1971 die Kaufhausaktien zu rechnen. Gut liegen auch die Versorgungs- und Bankaktien. Zu den großen Verlierern gehören die Aktien der Großchemie (mit einem Minus von 4 Prozent).

Der Monat Juni war – wie unsere Tabelle zeigt – für die meisten Aktien verlustreich. Das gilt insbesondere wieder für die Chemieaktien, wo sich vordergründig die Tarifstreitigkeiten auswirkten. Entscheidend blieb allerdings die Sorge um die Ertragsentwicklung. Von den Standardwerten des Elektromarktes nahm Siemens eine Favoritenstellung ein. Siemens-Aktien wurden auch von ausländischen Investoren erworben.

Die Vorsicht gegenüber den Eisen- und Stahlwerten blieb im Juni bestehen. Als stabil erwiesen sich weiterhin Mannesmann. Vom Kurs/Gewinn-Verhältnis her betrachtet waren die deutschen Eisen- und Stahlwerke ungewöhnlich preiswert. Auch die bei ihnen erzielbare Barrendite ist überdurchschnittlich. Aber wie steht es mit den Ausschüttungen für das laufende Geschäftsjahr? Hier sind mit großer Wahrscheinlichkeit Abstriche zu erwarten. Wie groß sie sein werden, hängt sowohl von der künftigen Lohnentwicklung als auch vom Grad der Beschäftigung ab. Experten meinen, daß der Handel seine Lager weitgehend geräumt hat und demnächst wieder mit Aufträgen kommen muß.

Umstrittene Papiere sind die Bankaktien. Die Verschärfung des Restriktionskurses (höhere Mindestreserven) hat zweierlei bewirkt: Einmal ist der Druck auf die Erträge noch fühlbarer geworden, zum anderen brachte die Schwäche des Rentenmarktes einen in dieser Höhe sicherlich nicht erwarteten Abschreibungsbedarf auf den Besitz an festverzinslichen Papieren. In den Kursen der Bankaktien sind diese negativen Faktoren bislang nicht zum Ausdruck gebracht worden.

Den deutschen Maschinenbauaktien traut man trotz der Exporterschwernisse noch einiges zu. Man ist der Meinung, daß die Unternehmeninternational gut im Rennen liegen und auch für 1971 relativ starke Abschlüsse vorlegen werden. Als besonders widerstandsfähig erweisen sich immer wieder Linde. K. W.