Wiesbaden

Die AOK sei nicht okay, andere bundesdeutsche Krankenversicherungen ebenfalls nicht. Mit dieser These verunsichert der Landarzt Friedrich Knecht (57) aus Kohlhaus, einem kleinen Dorf im Kreis Fulda, die Versicherten. Er ist überzeugt, daß die meisten Ärzte Gesundheit und Leben ihrer Patienten aufs Spiel setzen, weil sie aus Angst vor Regreßandrohungen der Krankenkassen nur ungern die teuren, aber notwendigen Medikamente verschreiben. Er fordert die Abschaffung des Paragraphen 368 der Reichsversicherungsordnung von 1911, der die Mediziner zu „wirtschaftlicher Rezeptur“ zwingt. Er hofft, daß der Bundestag sich zu einer Debatte bereit finden wird, um den von ihm angeprangerten Paragraphen zum „alten Zopf“ zu stempeln. Schließlich fürchtet der revoltierende Äskulapjünger aus dem Zonenrandgebiet, die Krankenkassen könnten ihm die kassenärztliche Zulassung und damit die Existenzgrundlage entziehen.

Dennoch führt der Mann, den die Leute einen „Rebellen in Weiß“ nennen, seinen riskanten Kampf weiter. Acht Jahre lang streitet Friedrich Knecht sich bereits mit den Kassen herum. Ein von ihm gestellter Strafantrag wegen „gefährlicher Beeinflussung der ärztlichen Verschreibungsweise durch Regreßandrohungen der Krankenkassen“ wurde vom Oberlandesgericht Frankfurt abgewiesen.

Friedrich Knecht schildert Fälle. aus seiner Praxis. Er berichtet von einer 39jährigen Mutter zweier Kinder, die vor einiger Zeit mit einer Schrumpfniere und einer chronischen Niereninfektion hilfesuchend in sein Sprechzimmer kam: „Ich habe diese Frau nicht mehr retten können. Nach sechs Monaten war sie tot. Sie könnte heute noch leben, wenn ihr früherer Arzt nicht dem Druck der Regreßdrohung nachgegeben und sich zu einer kostspieligen Langzeitbehandlung entschlossen hätte.“

Die Angegriffenen indessen sind nicht bereit, die bittere Pille zu schlucken. Die Barmer Ersatzkasse ist bereits initiativ geworden, um dem unbequemen Medizinmann den kassenärztlichen Stuhl vor die Tür zu setzen. Für den Fall, daß Knecht seine „ungeheuren, unsachlichen und rein emotionalen Vorwürfe“ nicht widerruft, will die Allgemeine Ortskrankenkasse Fulda in gleicher Richtung agieren. Der AOK-Landesverband: „1970 haben wir den 4300 hessischen Kassenärzten 263,2 Millionen Mark Honorare gezahlt und 222,5 Millionen für ärztlich verordnete Medikamente ausgegeben. Regreßansprüche wurden in 65 Fällen geltend gemacht. Die örtlichen Prüfungsausschüsse, in denen die Ärzte gegenüber den Kassenvertretern in der Mehrheit sind, haben lediglich 32 Kassenärzte zu einem Gesamtregreß von 31 200 Mark verurteilt. Diese Zahlen sprechen eine deutlichere Sprache als Herr Knecht.“

Friedrich Knecht jedoch freut sich über das freie Bekenntnis des CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Hermann Götz – „Ich hoffe, daß der Übelstand bald beseitigt wird“ – und über die Waffenbrüderschaft der Freidemokraten. In den letzten Tagen hat der „Rebell in Weiß“ in allen Bevölkerungskreisen zahlreiche Mitstreiter bekommen. Die DGB-Jugend und die Katholische Arbeiterjugend haben in Flugblattaktionen ihre Solidarität mit Friedrich Knecht bekundet. Tageszeitungen und Privatleute haben insgesamt 1500 Unterschriften gesammelt. Friedrich Knecht hat inzwischen die Welle von Sympathie zum Anlaß genommen, seinen Arztkittel vorübergehend an den Nagel zu hängen und sich ganz dem Kampf gegen die Krankenkassen und dem von ihnen verteidigten Paragraphen 368 der RVO zu widmen. Seine Praxis wird augenblicklich von einem Vertreter versorgt.

Wilfried H. Dietze