Romane aus Bildern und Blasen

Von Rino Sanders

Fumetto", "Fotoromanzo" – das sind zwei Namen für eine italienische Krankheit, die allerdings, wie einst die The, ganz überwiegend die unteren sozialen Schichten befällt. Jedoch geht sie nicht an die Lunge, sondern ans Bewußtsein und darunter. Sie wird industriell produziert und in wöchentlichen oder monatlichen Schüben über Zeitungskioske und -vertriebe unters Volk gebracht. Daran beteiligen sich nicht nur so unbekümmert kommerzielle Verleger wie Rizzoli, sondern auch so branchenstolze wie Mondadori.

Die Erreger sind Photos, Sprechblasen, Sprachschablonen in der Konstellation "Bildgeschichte". Übertragung: auf optischem Weg. Symptome: bei zeitweiligem Wohlgefühl Bewußtseinstrübung, -fixierung oder auch -deformation; leichte Schizophrenie; Passivität, vor allem politische.

Verbreitung: die Fotoromanzi-Editionen erreichen nach Schätzungen Kundiger je Nummer insgesamt eine Auflage von sechs Millionen. Man darf annehmen, daß auf jedes Heft drei Beschauer kommen, macht achtzehn Millionen: ein Drittel der italienischen Bevölkerung. Infiziert werden von dieser Subliteratur besonders Arbeiterinnen, Verkäuferinnen, Soldaten. Es ist oft ihr einziger Lesestoff.

Eine Gruppe junger Kunsthistoriker der Universität Parma, angestoßen von ihrem kaum ältere – Dozenten Arturo Carlo Quintavalle, nahm sich nun das Phänomen vor. In fünfzehn Monaten sichteten die elf Leute mit dem zeitgenössischen soziologischen Drall rund sechshundert derartige Erzeugnisse, nahmen sie – auch mit Mitteln der Psycho- und der Strukturanalyse – auseinander und präparierten die ideologischen und formalen Grundmodelle heraus.

Dann vergrößerten sie fünfhundert Photos, und Strip-Zeichnungen auf Plakatformat, faßten sie in thematischen Gruppen mit erläuternden Texten zusammen und stellten sie im "Salone dei Contrafforti" aus, einem Seitenflügel des megalomanischen, im Krieg angebombten Backsteinpalastes der Farnese.

Die für Italien repräsentative Ausstellung fand unerwarteten Zulauf; doch machen die jungen Moralisten sich nicht vor, daß sie mit ihrem kritischen Aufklärungswerk der Rede werte therapeutische Effekte verursachen könnten, wenn sie es auch einen Controfumetto, einen Gegen-Strip, heißen. Die "Mostra" geht in diesem Frühling durch etliche italienische Städte – Ferrara, Bologna und jetzt Turin.

Romane aus Bildern und Blasen

Die meisten Besucher sind bürgerlich und intellektuell, viel Jugend darunter, und genießen angesichts der allein schon entlarvenden Vergrößerungen ihr Aha-Erlebnis. Und der gescheite und aufschlußreich kommentierte Katalog ist zu teuer und schick, um die Betroffenen zu erreichen.

Die jeweils etwa 250 Bilder der Photoromane reproduzieren getreulich das bürgerliche Weltbild des 19. Jahrhunderts, wiewohl ihre Szenerien das 20. vortäuschen. In einer Welt moderner Fabriken, Büropaläste, Großkaufhäuser trimmt die Ideologie der Herrschenden die Träume der Proletarier auf ein unwandelbares Klassenparadies, in dem Schicksal, Liebe und ordentliches Erfolgsstreben den einzelnen ins Glück katapultieren können. Es gibt kein Klassenschicksal und keinen Klassenkampf, sondern nur Privatschicksal und Abendschulen für eventuelle Klassenspringer. Es gibt keine "Proletarier", sondern nur "Arm" und "Reich", ahistorisch und immerdar.

Beide Abteilungen dieser heilen Welt haben ihr stereotypes Ambiente:

Arm: Küche, Kachel, Ofenrohr, Wachstuchdecke; auf dem Tisch der umflochtene fiasco Wein; Vater im Würfelhemd ohne Schlips, Mutter einfach frisiert, oft dunkel gekleidet.

Reich: Goldrahmenspiegel, breite Prunkbetten, falsche Stilmöbel, Fauteuils, Bibliotheken mit der immer gleichen italienischen Goldrücken-Enzyklopädie "Treccani", white collars, Krawatte, Minirock, nightgown; Spider.

Ehe ist nur unter Gleichen möglich. Textilarbeiterin und Industrieller bekennen sich in hoffnungslosem Kuß ihre unmögliche Liebe. "Arm, aber schön" heißt das Stereotyp. Die Schönheit ist von der handfesten, hausgemachten Art. Die arme, aber schöne Proletarierin ist auch im Dunkel sichtbar, kann aber nur dann ins Licht der Kapitalsonne rücken, wenn sie Kurse für Kindergärtnerinnen besucht, jedenfalls einen Job mit höherem Sozialprestige erlernt, der den proletarischen Ruch tilgt, oder wenn sie unversehens erbt oder wenn in entscheidender Peripetie ihre verhärmte Mutter beichtet: "Mein Kind, ich muß dir einen Fehltritt gestehen: Du bist die Tochter eines Grafen."

Das sind die Voraussetzungen dafür, daß die Schicksalsgöttin Liebe, die pathetische Protagonistin, nämlich jene "auf den ersten Blick", aus der Gefangenschaft der Armut erlöst und nicht nur ein kurzes Glück beschert, für das der schwächere Sozialpartner mit Opfer und Entsagung zu büßen hat, sondern die kindgesegnete Dreieinigkeit wohlanständiger Familienverhältnisse. Andernfalls sind die Verhältnisse nicht so.

Romane aus Bildern und Blasen

Ist die Frau in diesen paternalistischen Moralitäten auch strikt passiv, so spielt sie doch fast immer die Hauptrolle: schlichtes Weib, pflegefroh, selbst- und orgasmuslos, dienend. Das erlaubt der proletarischen weiblichen Kundschaft ehestens die Identifikation, der männlichen hält es ihr Wunschobjekt erreichbar. Folgsame Demut erwartet immer noch auch der kommunistische Arbeiter, und bei eigenmächtiger Liebesgestaltung der Partnerin ohrfeigt er sie und schimpft sie "Dreigroschennutte".

Meistens wird die passive Heldin mindestens vorübergehend – das ist dann die Geschichte – Opfer der Umstände (Mißverständnisse, böse Zungen, Eifersucht, Krankheit), wie es dem Selbstverständnis vieler Leserinnen entspricht. Hochanständige, mittellose Mädchen, Halbwaisen oft, erdienen als Tänzerin oder Modell tapfer den Lebensunterhalt für Mutter und Geschwister. Unangefochten von den massiven Versuchungen der Großstadt harren sie einem Cenerentola-, einem Aschenbrödel-Schicksal entgegen, dem archetypischen Grundmuster vieler Photomärchen:

"Dies ist die Geschichte einer jungen Arbeiterin, einer jener vielen, die in der Wollindustrie Pratos arbeiten. Ihr Name ist Maria; sie ist jung, schön, und sie träumt, wie alle Mädchen, daß eines Tages ein Mann kommt, der sie diesem bescheidenen und eintönigen Leben entreißt und ihr alles Glück bietet. Es könnte euer aller Geschichte sein."

Der Einzelfall aus der Tageszeitung wird, beliebte Methode, zur Pseudorealität mythisiert. Das Bild des Märchenprinzen paßt sich dem an.

Heute herrschen Wissenschaftler, Manager, Industrielle und aussichtsreiche, reiche Studenten vor. Der blankgeputzte Offizier von einst ist abgeblaßt. Taucht der Prinz auf, läßt die Erwählte ihr proletarisches Milieu, ihre Arbeitskollegen reulos zurück. Diese Welt kommt ohnehin nur als Staffage vor: keine Parteien, keine Gewerkschaften. Keine Lohnkämpfe.

Ist aber einmal, selten, die emanzipierte, ökonomisch unabhängige, intellektuell attraktive Frau Protagonistin – Journalistin, Malerin bevorzugt –, hat sie die Liebe, die sie sich nimmt, etwa aus proletarischen Ressourcen, mit eheloser Einsamkeit zu bezahlen, denn ihr mangelt die für die Ehe geforderte Unterwürfigkeit, Selbstaufgabe, Demut. So raucht sie.

Ehebruch, so demonstrieren die Schautafeln, so kommentiert der Katalog, Ehebruch kommt nicht vor, es sei denn von Seiten des Mannes; aber in dieser katholischen Law-and-order-Welt söhnen die legitimen Paare sich aus, die wenigen illegitimen erkennen ihren Irrtum und ziehen, etwa nach Intervention eines Geistlichen, Konsequenzen. Für Sünder, die in der paarigen Symmetrie dieser rührseligen Photoalben häufig überzählig Liebende sind, steht die Todesstrafe parat: Autounfall, Paralyse oder, vielfach, Treppensturz. Vorm endgültigen Augenschluß wird gestanden, gebeichtet, bereut. Absolution.

Romane aus Bildern und Blasen

Über der Rolle der Religion entzweiten sich die Kunstwissenschaftler ihrerseits in unwissenschaftlich ideologische Gruppen: Linkskatholiken und Marxisten. Die Sache entschied zugunsten der Marxisten, die meinten, Religion habe zwar in den Fumetti den ihr in der paternalistisch-katholischen Gesellschaft zukommenden Stammplatz, doch einzig als Aberglauben.

Über die Sprache der Fotoromanzi war man sich einig: in den erzählenden Einsprengseln der pseudopoetische Schwulst kleinbürgerlicher Trivialliteratur; im "Dialog" realistisch verpackte Sprachstummel vom "Auf-immer-dein"-Typ.

Die gezeichneten Sex- und Krieg-Fumetti sind Fortsetzung des Photoromans mit anderen Mitteln. Meistens importiert, haben sie auch einheimische Spielarten. Die gehorsamen Heroen der Kriegs-Serien verherrlichen obrigkeitsstaatliche Hierarchie und erlauben dem Konsumenten, Aggressionen zu projizieren; die Sex-Strips, oft nur verbrämte Perversitäten-Anthologien, sind Vehikel zur Befreiung der von der katholisch-bürgerlichen Moral frustrierten Triebenergien.

Zwar wählen die schlichten Verbraucher zu gutem Teil kommunistisch, aber die Träume, mit denen diese Art Nationalliteratur sie tränkt, lullen sie ein in eine rückgewandte Utopie.