Die meisten Besucher sind bürgerlich und intellektuell, viel Jugend darunter, und genießen angesichts der allein schon entlarvenden Vergrößerungen ihr Aha-Erlebnis. Und der gescheite und aufschlußreich kommentierte Katalog ist zu teuer und schick, um die Betroffenen zu erreichen.

Die jeweils etwa 250 Bilder der Photoromane reproduzieren getreulich das bürgerliche Weltbild des 19. Jahrhunderts, wiewohl ihre Szenerien das 20. vortäuschen. In einer Welt moderner Fabriken, Büropaläste, Großkaufhäuser trimmt die Ideologie der Herrschenden die Träume der Proletarier auf ein unwandelbares Klassenparadies, in dem Schicksal, Liebe und ordentliches Erfolgsstreben den einzelnen ins Glück katapultieren können. Es gibt kein Klassenschicksal und keinen Klassenkampf, sondern nur Privatschicksal und Abendschulen für eventuelle Klassenspringer. Es gibt keine "Proletarier", sondern nur "Arm" und "Reich", ahistorisch und immerdar.

Beide Abteilungen dieser heilen Welt haben ihr stereotypes Ambiente:

Arm: Küche, Kachel, Ofenrohr, Wachstuchdecke; auf dem Tisch der umflochtene fiasco Wein; Vater im Würfelhemd ohne Schlips, Mutter einfach frisiert, oft dunkel gekleidet.

Reich: Goldrahmenspiegel, breite Prunkbetten, falsche Stilmöbel, Fauteuils, Bibliotheken mit der immer gleichen italienischen Goldrücken-Enzyklopädie "Treccani", white collars, Krawatte, Minirock, nightgown; Spider.

Ehe ist nur unter Gleichen möglich. Textilarbeiterin und Industrieller bekennen sich in hoffnungslosem Kuß ihre unmögliche Liebe. "Arm, aber schön" heißt das Stereotyp. Die Schönheit ist von der handfesten, hausgemachten Art. Die arme, aber schöne Proletarierin ist auch im Dunkel sichtbar, kann aber nur dann ins Licht der Kapitalsonne rücken, wenn sie Kurse für Kindergärtnerinnen besucht, jedenfalls einen Job mit höherem Sozialprestige erlernt, der den proletarischen Ruch tilgt, oder wenn sie unversehens erbt oder wenn in entscheidender Peripetie ihre verhärmte Mutter beichtet: "Mein Kind, ich muß dir einen Fehltritt gestehen: Du bist die Tochter eines Grafen."

Das sind die Voraussetzungen dafür, daß die Schicksalsgöttin Liebe, die pathetische Protagonistin, nämlich jene "auf den ersten Blick", aus der Gefangenschaft der Armut erlöst und nicht nur ein kurzes Glück beschert, für das der schwächere Sozialpartner mit Opfer und Entsagung zu büßen hat, sondern die kindgesegnete Dreieinigkeit wohlanständiger Familienverhältnisse. Andernfalls sind die Verhältnisse nicht so.