Ist die Frau in diesen paternalistischen Moralitäten auch strikt passiv, so spielt sie doch fast immer die Hauptrolle: schlichtes Weib, pflegefroh, selbst- und orgasmuslos, dienend. Das erlaubt der proletarischen weiblichen Kundschaft ehestens die Identifikation, der männlichen hält es ihr Wunschobjekt erreichbar. Folgsame Demut erwartet immer noch auch der kommunistische Arbeiter, und bei eigenmächtiger Liebesgestaltung der Partnerin ohrfeigt er sie und schimpft sie "Dreigroschennutte".

Meistens wird die passive Heldin mindestens vorübergehend – das ist dann die Geschichte – Opfer der Umstände (Mißverständnisse, böse Zungen, Eifersucht, Krankheit), wie es dem Selbstverständnis vieler Leserinnen entspricht. Hochanständige, mittellose Mädchen, Halbwaisen oft, erdienen als Tänzerin oder Modell tapfer den Lebensunterhalt für Mutter und Geschwister. Unangefochten von den massiven Versuchungen der Großstadt harren sie einem Cenerentola-, einem Aschenbrödel-Schicksal entgegen, dem archetypischen Grundmuster vieler Photomärchen:

"Dies ist die Geschichte einer jungen Arbeiterin, einer jener vielen, die in der Wollindustrie Pratos arbeiten. Ihr Name ist Maria; sie ist jung, schön, und sie träumt, wie alle Mädchen, daß eines Tages ein Mann kommt, der sie diesem bescheidenen und eintönigen Leben entreißt und ihr alles Glück bietet. Es könnte euer aller Geschichte sein."

Der Einzelfall aus der Tageszeitung wird, beliebte Methode, zur Pseudorealität mythisiert. Das Bild des Märchenprinzen paßt sich dem an.

Heute herrschen Wissenschaftler, Manager, Industrielle und aussichtsreiche, reiche Studenten vor. Der blankgeputzte Offizier von einst ist abgeblaßt. Taucht der Prinz auf, läßt die Erwählte ihr proletarisches Milieu, ihre Arbeitskollegen reulos zurück. Diese Welt kommt ohnehin nur als Staffage vor: keine Parteien, keine Gewerkschaften. Keine Lohnkämpfe.

Ist aber einmal, selten, die emanzipierte, ökonomisch unabhängige, intellektuell attraktive Frau Protagonistin – Journalistin, Malerin bevorzugt –, hat sie die Liebe, die sie sich nimmt, etwa aus proletarischen Ressourcen, mit eheloser Einsamkeit zu bezahlen, denn ihr mangelt die für die Ehe geforderte Unterwürfigkeit, Selbstaufgabe, Demut. So raucht sie.

Ehebruch, so demonstrieren die Schautafeln, so kommentiert der Katalog, Ehebruch kommt nicht vor, es sei denn von Seiten des Mannes; aber in dieser katholischen Law-and-order-Welt söhnen die legitimen Paare sich aus, die wenigen illegitimen erkennen ihren Irrtum und ziehen, etwa nach Intervention eines Geistlichen, Konsequenzen. Für Sünder, die in der paarigen Symmetrie dieser rührseligen Photoalben häufig überzählig Liebende sind, steht die Todesstrafe parat: Autounfall, Paralyse oder, vielfach, Treppensturz. Vorm endgültigen Augenschluß wird gestanden, gebeichtet, bereut. Absolution.