Vor drei Monaten hatte ihm eine Herzschwäche das Leben schon schwer gemacht, vor einem Monat meldete er trotzig, daß er wieder ein bißchen auf der Trompete blasen dürfe, am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, feierte er seinen 71. Geburtstag, zwei Tage drauf ist er gestorben – Louis Armstrong, Satchmo genannt, Träger des in seinem schmucktitelreichen Metier höchsten Titels: Er war der König, der King of Jazz. Niemand weit und breit, der ernsthaft an seinem fröhlichen Thron hätte rütteln können oder auch nur wollen. Louis Armstrong war, ganz ohne Zweifel, einer der größten Musiker dieses Jahrhunderts und mehr: Sein Name war das Synonym für Jazz schlechthin.

Klein, gedrungen, ein runder Schädel mit kurzgeschorenem. Haar, breite Nase, wulstige, rissige Lippen – ein Bilderbuchneger und dazu einer mit einem Lebenslauf aus dem Märchenbuch der großen Karrieren: Aufstieg aus dem Dreck der Armut in den Slums von New Orleans hoch hinauf auf das Podest des Ruhmes, das überall steht.

Louis Armstrong hatte vor allem zwei Quellen, aus denen er ständig schöpfen konnte: seine Musikalität und seinen Optimismus.

Musikalität war ihm angeboren, Fleiß und Ehrgeiz kamen fast von allein dazu. Als man ihn in einer Besserungsanstalt, in die er, vierzehn Jahre alt, wegen eines kleinen Unfugs gesteckt worden war, erst das Signalhorn und dann das Cornett blasen ließ, war er glücklich: "Als ich es ungeniert an die Lippen nahm, kam ein schöner, weicher Ton heraus", schrieb er in seinem Lebenslauf.

Auf diesen orts- und zeittypischen Anfang folgte, was man eine Karriere nennt: Satchmo spielt in Kneipen, wird von Kid Ory engagiert, geht nach Chikago in King Olivers Creole Jazzband, überstrahlt alsbald seinen Boß, begleitet so berühmte Bluessängerinnen wie Bessie Smith in New York, ist nunmehr der Solist seiner eigenen Bands. 1929 war sicher: Er ist der König.

Von da an ging es ohne Unterbrechung mit einer beinahe unheimlichen Regelmäßigkeit aufwärts. Er bereist Europa, befreit durch seine Auftritte in der UdSSR den Jazz dort aus der ideologischen Verdammung, kehrt auch einmal – sentimentale Arabeske – "heim nach Afrika", wo er – traurige Pointe – nicht verstanden wird. Auf seinem Haupt sammeln sich indessen die Ehrungen, nicht zuletzt welche aus dem Vatikan.

Er hat weit über tausend Schallplatten bespielt, und während er zu Grabe getragen wird, erscheint in der Bundesrepublik ein Album mit einigen seiner berühmtesten Stücke: "Louis Armstrong, ein Starporträt" (Verve 2615 004). In fast allen kann man erfahren, daß dieser Mann vor Inspiration zu bersten schien; wie es ihn gelang, die simpelsten Melodien aufzugreifen und durch seine sprudelnden, aber – stets tief empfundenen Improvisationen zu Stücken von klassischer Ausgewogenheit zu machen. Seine Virtuosität war eindrucksvoller kannte keine Schwierigkeiten. Seltsamerweise hatte er. kaum Neider, dafür um so mehr Bewunderer in den eigenen Reihen, und es waren nicht nur Trompeter: groß die Zahl derer, die ohne Vorbehalt bekennen, von ihm gelernt zu haben.