Die Eidgenossen hätten eigentlich wissen müssen, daß in Bonn nichts geheim bleibt. Der Schweizer Unterhändler Kurt Locher und der Bonner Ministerialrat Helmut Debatin hatten sich darauf geeinigt, den Text des neuen Doppelbesteuerungs-Abkommens nicht vorzeitig zu veröffentlichen. In den trockenen Formeln des zwischen den beiden Steuerexperten ausgehandelten Abkommens ist nämlich Dynamit verborgen. Noch nie war Deutschlands Debatin so nahe am Ziel seiner Wünsche gewesen, und noch selten wurde ein schweizerischer Chefbeamter so virtuos in die Enge getrieben wie Kurt Locher. So sieht man es jedenfalls in der Schweiz.

Als jedoch – kaum war die Paraphierung des Abkommens unter Dach – Debatin im Vollgefühl seines Erfolges die deutsche Presse über den Inhalt des Abkommens unterrichtete, wurde man in Bern ungehalten. Zwar hätte Debatin den Text nicht veröffentlicht, doch war zwischen den präzisen Informationen und einer umfassenden Veröffentlichung kaum mehr ein großer Unterschied. Der Schweizer Delegationsleiter gab Debatin sein Mißfallen sehr deutlich zu verstehen. Und seither schweigt man im Bonner Finanzministerium. Debatin möchte nicht riskieren, daß das von ihm mit so viel Mühe ausgehandelte Abkommen wieder gefährdet wird.

Obwohl Debatin in seiner Bonner Pressekonferenz präzise Angaben über die neue Regelung machte, wurden seine Ausführungen vielfach mißverstanden. So meldete die größte Schweizer Zeitung, der Zürcher Tagesanzeiger: „Steuerflucht in die Schweiz lohnt sich nicht mehr.“ Der Tagesanzeiger verbreitete die Schreckensnachricht: „Als direkte Auswirkung des Abkommens erwarten die Steuerexperten in Bonn und Bern den Zusammenbruch der meisten von etwa 10 000 Briefkastenfirmen in der Schweiz.“

Derartige über Bonn in die Schweiz gelangte Berichte waren dazu angetan, sogar die sonst so selbstsicheren und gelassenen Bankiers an der Zürcher Bahnhofstraße zu beunruhigen. Die Sorgen der „Gnome von Zürich“ sind verständlich, denn das neue Doppelbesteuerungsabkommen geht weit über das vor vier Jahren unterzeichnete Abkommen mit Frankreich hinaus, das seinerzeit schon beträchtliche Mißstimmung hervorrief.

Acht Jahre haben Debatin und Locher verhandelt, bis sie sich endlich einig wurden. Und nun, nachdem das Ergebnis bekannt wurde, herrscht in Schweizer Wirtschaftskreisen große Enttäuschung über Lochers Verhandlungstaktik. Die Schweizer wollen noch nicht so recht glauben, daß das Abkommen dermaßen einseitig zugunsten der Bundesrepublik ausfallen kann.

Man rechnet damit, daß die beiden Regierungen das Abkommen im August unterzeichnen werden. In Bern muß allerdings das Doppelbesteuerungsabkommen durch die beiden Kammern des Parlaments (National- und Ständerat) ratifiziert werden. Und ob die eidgenössischen Räte dem Doppelbesteuerungs-Abkommen ohne Änderungen zustimmen, ist keineswegs gewiß.

Es wäre allerdings seit Jahren die erste Auflehnung des Parlaments gegen die Expertokraten der Bundesverwaltung. Der Grund für eine mögliche Opposition gegen das Abkommen: 1967 versicherten die Steuerverwaltung und der Finanzminister im Zusammenhang mit der Ratifizierung des Abkommens mit Frankreich, daß dieser Vertrag eine absolute Ausnahme darstelle und daß derart weitgehende Zugeständnisse wie an Frankreich nicht wieder gemacht werden sollten.