Von Uwe Wesel

In der Mitte eines bis dahin ruhigen Sommersemesters – nur die Rote Zelle Anglistik streikte noch gegen den Beowulf – legten vierzehn Professoren Ende Mai ihre Ämter im Akademischen Senat der Freien Universität nieder. Nachdem ich selbst einmal im April wegen der Ablehnung der Berufung von Hans Heinz Holz die schwerste Krise der Freien Universität prophezeit hatte – die uns erspart blieb, weil Herr Holz nach Marburg berufen wurde –, wird jetzt auf der anderen Seite von der schwersten Krise und von der Notwendigkeit der Novellierung des Gesetzes gesprochen. Die Berliner CDU verlangt die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, und Herr Schwan verkündet Anfang Juni in der ZEIT, Rolf Kreibich habe eine Chance gehabt und verspielt. Einer der Väter des Universitätsgesetzes wird Alexander Schwan hier in Berlin genannt, und deshalb hat seine Stimme in der Öffentlichkeit Gewicht. Es ist also darauf zu antworten.

Die Krise der Universität ist eine Krise der Wissenschaft. Sie ist durch das Gesetz nicht beendet worden. Das Berliner Universitätsgesetz ist ein Versuch, auf die Dauer mit dieser Krise fertig zu werden. Mit anderen Worten: Nicht das Gesetz hat die Krise der Universität verursacht, sondern umgekehrt. Oder polemisch: Wenn etwas schnell novelliert werden müßte, um aus dieser Krise herauszukommen, dann sollten es die Wissenschaften sein. Aber hier versagt auch die Macht des Gesetzgebers.

Das Berliner Gesetz von 1969 ist der mutige Versuch der sozialdemokratischen Partei, aus den Erfahrungen der Jahre seit 1965 die Konsequenz zu ziehen, nämlich die Ordinarienuniversität umzuwandeln in eine Universität der Wissenschaft, in eine Universität, an deren Entscheidungen alle beteiligt sind, die Wissenschaft betreiben und von ihr betroffen werden. Es war von vornherein abzusehen, daß ein so schwerer Eingriff in die Struktur der alten Universität nicht leicht durchgeführt werden könnte, daß ein langer und mühsamer Prozeß der Umwandlung notwendig und die Übergangszeit nicht ohne Angriffe gegen das Gesetz bleiben würde. Man muß auch sehen, daß es in der neuesten Geschichte kaum einen Berufsstand gegeben hat, der in so krasser Form rücksichtslos in seinen Rechten beschnitten worden ist wie heute der Stand der ordentlichen Professoren an deutschen Universitäten. Sie sind nicht mehr automatisch Mitglieder ihrer Fakultät und Institutsdirektoren, sie können nicht mehr allein bestimmen, wer als Assistent oder Dienstkraft an den Instituten angestellt und welche Geräte oder Bücher dort angeschafft werden. Es war auch von vornherein abzusehen, daß sie sich wehren und das Gesetz angreifen würden. Dieser Kampf wird von ihnen in Berlin seit eineinhalb Jahren geführt. Ihre Parole war dabei von Anfang an: „Der Kampf in der Universität ist verloren, wir müssen ihn außerhalb führen.“ Zu diesem Zweck sind die Berliner „Notgemeinschaft“ und der „Bund Freiheit der Wissenschaft“ gegründet worden. Und ihr Kampf war nicht ohne Erfolg. Die Öffentlichkeit, die bis zum Erlaß des neuen Universitätsgesetzes eher auf Seiten der Reformer stand, hat sich zum Teil gegen sie gewendet, ist zumindest irritiert.

Außerdem wird dieser Kampf nicht direkt gegen das Gesetz geführt, sondern indirekt, vor allem mit zwei Argumenten, auf die die Öffentlichkeit sehr empfindlich reagiert, nämlich mit dem Kommunistenargument und mit dem Qualitätsargument. Das Kommunistenargument: Das Gesetz ermögliche die kommunistische Unterwanderung der Universität. Das Qualitätsargument: Das Gesetz gefährde das universitäre Leistungsniveau. Man kann nur immer erwidern: jeder hat das Recht, an unseren Universitäten Zu arbeiten, sofern er sich nicht verfassungswidrig verhält, auch Marxisten. Das Leistungsniveau ist auch abhängig von der großen Zahl der Studenten. Das Berliner Universitätsgesetz hat schon jetzt in einigen Bereichen den gegenteiligen Erfolg gehabt, nämlich das Leistungsniveau gehoben. Zum Beispiel in der Physik. Durch erfolgreiche Berufungs- und Bleibeverhandlungen wurde die Zahl der Hochschullehrer innerhalb von etwa zwei Jahren verdoppelt und für die Molekül- und Festkörperphysik durch Konzentration aller Kräfte auf aktuelle Teilgebiete einer der wichtigsten Forschungsschwerpunkte in Deutschland aufgebaut.

Die Situation nach eineinhalb Jahren Arbeit mit dem Gesetz ist noch unübersichtlich, der Umbau der Universität, der sehr viel Arbeit kostet, noch nicht abgeschlossen. Die alten Fakultäten sind zwar inzwischen in Fachbereiche umgewandelt worden; aber die alten Institute mit ihren Direktoren bestehen noch zum großen Teil. Die wissenschaftlichen Einrichtungen, die sie ablösen sollen, werden erst gebildet. Alle Mitglieder der Universität, die in den Gremien mitarbeiten, sind außerordentlich belastet. Man muß sich einarbeiten. Die in der Vergangenheit ungelösten Strukturprobleme sollen jetzt alle sofort gelöst werden. Gruppen, die früher nicht zu Wort gekommen sind, legen die inzwischen angesammelten Forderungen mit einem Mal auf den Tisch. Auf der anderen Seite verweigert ein Teil der früher entscheidenden Gruppe der ordentlichen Professoren die Mitarbeit, um statt dessen den Kampf außerhalb zu führen. Die Reformer haben kaum Zeit, sich dagegen publizistisch zu wehren. Von einem normalen Arbeiten des Gesetzes kann jedenfalls noch nicht gesprochen werden. Ein abschließendes Urteil über dieses Experiment ist frühestens in einem oder zwei Jahren möglich.

Neu ist, daß die Angriffe jetzt auch von Alexander Schwan kommen. Er hat zwar nie voll auf der Seite des Präsidenten gestanden, aber er hat zumindest nicht zu der Gruppe derjenigen gehört, die ihn angreifen. Es ist deshalb etwas zu sagen zu seinen Gründen, und zwar sowohl zu denen, die er nennt, als auch zu denen, die er nicht nennt.