Von Horst Werner Hartelt

Düsseldorf

In Nordrhein-Westfalen werden fünfzig völlig neue Krankenhäuser mit rund 20 000 Betten gebaut. Bis 1976 sollen sie fertig sein. Den vierzehn kommunalen und 36 frei-gemeinnützigen Trägern stellt das Land für diesen Kraftakt, der noch weitere 147 Baumaßnahmen auf gleichem Sektor einschließt, zwei Milliarden Mark zur Verfügung. Gleichzeitig, Hand in Hand mit dieser Planung, wurde das Bundesland mit seinen siebzehn Millionen Einwohnern in sechzehn medizinische Versorgungsgebiete eingeteilt. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Werner Figgen (SPD) begründete seinen vom Kabinett einstimmig gebilligten Landeskrankenhausplan: „Ziel ist, durch ein abgestuftes System einander ergänzender, leistungsfähiger Krankenhäuser langfristig eine optimale stationäre Versorgung aller zu erreichen. In einem Umkreis von fünfzig Kilometern muß für jeden Kranken jede nur denkbare Hilfe zu erreichen sein. Für die Medizin darf es keine Provinz geben ...“

Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und gleichermaßen auch die der Fachwelt erregte der Minister jedoch mit einer ganz anderen Formulierung. Sie rüttelt an allem, was dem alten Krankenhaus nützlich und teuer war. Figgen sagte: „Medizinischer, technischer und sozialer Fortschritt stellen Traditionen in Frage! Demokratie als Lebensform schließt hierarchische Systeme in diesem Bereich ebenso aus wie der Sozialstaatsgedanke die Klasseneinteilung!“

Schon Monate vor Veröffentlichung dieses ministeriellen Leitmotivs rüsteten etliche Vereinigungen zum Sturm auf die Landesregierung; die Proklamierung des totalen klassenlosen Krankenhauses wurde befürchtet. Der Minister selbst umgab sich mit schmunzelndem Schweigen, um jetzt bei der Veröffentlichung des Plans zu sagen: „Die Bezeichnung klassenloses Krankenhaus lehne ich ab, weil sie in unserer Gesellschaft der Sache nicht gerecht wird. Freilich, in einem Punkt lassen wir mit uns nicht handeln – Maßstab für sachgemäße Versorgung darf nur die Art und Schwere einer Krankheit ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche und soziale Stellung des Patienten sein. Und dabei darf es keine Rolle spielen, ob es sich um einen Selbstzahler oder um einen Kassenpatienten handelt.“

Einen entscheidenden Schritt zur chancengleichen Behandlung in den neuen Krankenhäusern hat der Minister in langen Nachtgesprächen mit Architekten und Finanzsachverständigen getan. Kostenkalkulationen decken sich jetzt mit seinem Lieblingsgedanken: Es sollen keine Krankensäle mehr zugelassen werden, und auch die Vier- und Sechsbettzimmer will Figgen für alle Zeit verhindern. Tatsächlich werden in den neuen Krankenhäusern in der Regel nur noch Zweibettzimmer gebaut, die selbstverständlich in Katastrophenfällen doppelt so hoch zu belegen sind. Und so frohlockte denn auch Werner Figgen in einem seiner regelmäßigen Streitgespräche: „Daraus können und mögen Sie ersehen, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der baulichen Konzeption des Zweibettzimmers und unseren politischen Zielsetzungen besteht!“

Der Kassenpatient ohne Zusatzkassen wird also künftig wie der Privatpatient gebettet sein – dennoch bleibt die Privatstation erhalten. Wer nämlich trotz aller angestrebten Verbesserungen diese klassenlose Klasse nicht akzeptieren will, dem garantiert der Gesundheitsminister in Düsseldorf das Zimmer mit Telephon und Radio, Fernsehen oder Plattenspieler. Für diese Extras einer vollkommenen Freizeitgestaltung sind jedoch die Kosten des Privatpatienten fällig, aber eben nur dafür, denn andere Unterschiede soll und darf es nach diesem Landeskrankenhausplan nicht mehr geben.