Von Vitus B. Dröscher

Was geht in den Köpfen der Menschen vor sich, wenn Kinder einen Mitschüler verprügeln, nur weil er abstehende Ohren hat, wenn simple Zimmerwirtinnen farbigen Studenten die Tür weisen oder wenn eine „Herrenrasse“ Millionen von Juden ermordet?

Bislang besaßen Psychologen und Anthropologen zur Klärung dieses Phänomens nicht einmal einen umfassenden Begriff. Vor kurzem bemerkte jedoch der Mainzer Psychologe Rudolf Bilz, daß eben dieser Begriff existiert – zwar nicht in der Humanpsychologie, aber immerhin in der Tierverhaltensforschung. So begann er mit dem wissenschaftlichen Brückenschlag zwischen der Psychologie der Menschen und der Psychologie der Tiere – einem geistigen Kraftakt, in dem sich andere Forscher schon vergeblich versucht hatten, weil sie entweder viel von Tieren und zuwenig vom Menschen wußten oder umgekehrt.

In Bienen-, Ameisen- und Rattengemeinschaften wird jeder Artgenosse, der nicht genauso riecht wie die anderen, umgebracht. Ein Rhesusaffenkind, das von Geburt eine hellere Fellfarbe als die anderen hat, findet keine Spielgefährten. Bekleckst ein Experimentator das Gefieder einer Möwe mit bunter Farbe, fallen die anderen Möwen über sie her und hacken auf ihr herum. Desgleichen wird eine Krähe, die krankheitsschwach die Flügel hängen läßt, von ihren Schwarmmitgliedern getötet.

Es ist, als könnten die Tiere jede Abweichung von der Norm unter ihresgleichen nicht ertragen. Sie nehmen Anstoß an ungewöhnlichen Formen und unüblichen Gebärden einzelner Individuen in ihrer Gemeinschaft. Verhaltensforscher bezeichnen dies als „Anstoßnehmen“ oder „Anstoßaggressivität“.

Diesen Begriff auf das Sozialverhalten des Menschen zu übertragen, drängt sich geradezu auf: Hierbei erkennen Rudolf Bilz und N. Petrilowitsch („Beiträge zur Verhaltensforschung – Aktuelle Fragen der Psychologie und Neurologie“, Verlag S. Karger, Basel 1971) bereits detailliertere Verhaltensstrukturen als die Tierforscher, nämlich fünf Intensitätsstufen dieser Form der Aggressivität:

1. Der nur geringfügig von der Norm Abweichende wird von seinen Mitmenschen mit verstohlenem Blick gemustert, sonst aber höflich und human behandelt.