• Beseitigen der körperlichen Merkmale, an denen Anstoß genommen wird, etwa durch die plastische Chirurgie oder die Heilbehandlung der Stotterer.
  • Aufklärung über die biologischen Radikale unseres verschleppten Vorfahrenverhaltens: "Es müßte den Menschen klarwerden, welcher Barbarei sie sich schuldig machen, wenn sie sich über Mißgestaltungen oder Funktionsstörungen ihrer Mitbürger lustig machen; Die Amüsements verstoßen gegen die Menschenwürde Gewalt und Lynchjustiz sind Verbrechen. Wer ächtet die Anführer und Ideologen politischer Gruppen, die Pogromhetze betreiben, ganz gleich, ob sie sich gegen Juden oder Katholiken, gegen Schwarze oder Weiße, gegen Gammler oder Angehörige des Establishments richten? Die Politik hat sich im Verein mit instinktiven Gefühlswallungen von jeher gegen die Humanität versündigt. Erziehung und Justiz haben alles versäumt.
  • Der vom körperlichen Gebrechen Gezeichnete sollte, statt leise vor sich hinzuleiden, sich seiner dominierenden menschlichen Werte bewußt werden. Es hemmt die Anstoßaggressivität der anderen, wenn man sich nicht duckt. Ein Wolf, der aus dem Rudel ausgestoßen werden sollte, begann sich für die Gemeinschaft nützlich zu machen, indem er die Jungen im Rudel umsorgte. Fortan wurde er wieder respektiert. Beim Menschen sollte die Einsicht in die Wildheitsmerkmale seines Verhaltens dazu führen, eben diese archaischen Verhaltensrelikte zu überwinden.

Auch für den Psychotherapeuten ergeben sich aus der Kenntnis der Anstoßaggressivität fruchtbare Folgerungen, etwa bei der Behandlung der Alkoholhalluzinose, des Trinkerwahnsinns. Der an dieser Geisteskrankheit leidende Mensch macht tagsüber einen normalen Eindruck. Abends trinkt er viel, ohne daß etwas Abnormes geschieht. Wenn er nach Wochen mit dem Alkoholkonsum endlich Schluß macht, wird er von der Krankheit heimgesucht. Einschlaf- und Schlafstörungen quälen ihn. Die Innenwelt seiner Alpträume tritt gleichsam aus ihm heraus und macht sich in der Außenwelt, vor seinem Haus, breit. Dann bildet er sich ein, eine "Bande" von Menschen belagere sein Haus. Er glaubt zu hören, wie sie ihn beschimpfen, ihm Missetaten vorwerfen und drohen, ihn zu lynchen.

Das Groteske hierbei ist, daß er früher alle Schandtaten, die ihm der Pöbel in seinem Wahn angeblich vorwirft, tatsächlich oder spielerisch in Gedanken begangen hat. Er projiziert die Stimme seines Gewissens in die Drohrufe des imaginären Pöbels.

Im geistig gesunden Menschen arbeitet, ein perfekter Mechanismus der Schuldverdrängung. "Ich habe etwas Schlimmes getan", sagt sein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben", sagt sein Stolz. Und so gibt das Gedächtnis nach. In der Trinkerpsychose ist es umgekehrt. Das Gedächtnis mitsamt dem Schuldgefühl behält die Oberhand, und das Selbstwertgefühl schwindet. In dieser Perversion liegt ein wesentliches Moment dieser Geisteskrankheit.

"Gesund sein bedeutet demnach", schreibt Bilz, "fragwürdig sein, und zwar mit gutem Gewissen und ohne Prestigeverlust. Man steht vor sich selber und vor den anderen makellos, als ein Ehrenmann da. Bei der plötzlichen Funktionsverkehrung dagegen, bei der das Gedächtnis über den persönlichen Stolz triumphiert, handelt es sich um ein Symptom der Halluzinose. Die Wohltat des Verdrängungsschutzes ist dem Subjekt entzogen worden." Als Folge der "Verdrängungsspanne" suchen den Kranken die Erinnerungen heim.

Zu Beginn der Krankheit erhebt der Patient noch Protest. Er ruft nach der Polizei, die den vermeintlichen Pöbel vertreiben soll. Später hält ihn die Faszination gefangen, als ob er sich das Schauspiel seiner Hinrichtung nicht entgehen lassen könne. Er duckt sich wie ein gehacktes Huhn. Ein Patient, dem die Stimmen angedroht hatten, daß man ihn morgens um vier Uhr abholen werde, um ihn im Stadtsee zu ertränken, machte sich zur angegebenen Zeit selber auf den Weg dorthin. Als dort statt der erwarteten, seinen Tod verlangenden Volksmenge kein Mensch war, trollte er zutiefst enttäuscht wieder heim.

Oft ist die vermeintliche Menschenmenge vor dem Haus des Kranken nicht ein anonymer Pöbel schlechthin. Vielmehr steht eine Autorität an der Spitze. Früher trat in der Halluzinose oft der Kaiser auf oder "Gott im Pelzmantel", Adolf Hitler oder der Blockwart. Heutzutage regieren andere Autoritäten. Ein Firmenchef, der einen Angestellten fristlos entlassen hatte, glaubte in seinem Wahn, Gewerkschaftsfunktionäre lärmten vor dem Haus. Noch zeitgemäßer phantasierte ein anderer Patient. Er gab zu Protokoll, ein Telewagen stünde nachts vor seinem Haus, lese seine Gedanken und übertrage sie live über Rundfunk in alle Welt.