ZDF, Sonntag, 4. Juli: „Der aktive Neutrale“, von Jutta Ahlemann

Gustav Heinemann verneigte sich gemessen vor seiner Exzellenz, dem Botschafter des Fürstentums Monaco; Gustav Heinemann löffelte, an der Seite Frau Hildas, sein Frühstücksei und schnitt aus dem Weißbrot ein kleines Eckchen, das ihm mißfiel; Gustav Heinemann beförderte das an einem lorbeernen Ring befestigte schwarzrotgoldene Fähnchen in eine solche Richtung, Aufschrift nach oben, daß erklärt werden konnte: Der Herr Bundespräsident hat einen Kranz niedergelegt; Gustav Heinemann begrüßte die Chefredakteure von Schülerzeitschriften; er sprach, Gerhard Schröder zur Seite, einen Toast, der die Herren vom Auswärtigen Ausschuß in jene Stimmung versetzte, die man „gelöst“ zu nennen pflegt; Gustav Heinemann unterhielt sich mit seinen Mitarbeitern über die Post und über Termine (Der Briefschreiber weiß nicht, daß wir damit gar nichts zu tun haben, meint einer der Getreuen am Tisch, verbesserte sich dann aber, denn es schauten ja Kameras zu: daß der Präsident damit gar nichts zu tun hat); Gustav Heinemann im Frack und Gustav Heinemann, wie Prinz Klaus Heinrich bei Thomas Mann, unter dem Volk: Na, Jungs, wann war denn eure letzte Schlägerei? (Gelächter bei der Begleitung: findet doch immer das richtige Wort, dieser Mann; potenzierte Leutseligkeit); Gustav Heinemann vor den Kirchenmännern in Worms und Gustav Heinemann beim Schwören jenes Eids, den außer erfahrenen Altgermanisten heute niemand mehr versteht: „Ich schwöre, den Nutzen (des deutschen Volkes) zu mehren“: wer, der nicht weiß, daß Nutzen (man muß schon nachschlagen: mittelhochdeutsch nuz) ursprünglich auch Ertrag und Einkommen bedeutete, verbindet mit der Formel vom gemehrten Nutzen irgendeinen Sinn? Wer, der nicht hinter „Schaden“ sofort die Nuance „Einkommensverlust“ herausspürt, denkt schon daran, daß es sich hier um den Eid eines Vermögensverwalters handelt: „Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden... werde“? (Die gesamte Formel, ein Kleinod aus bildungsbürgerlichem Hausschatz, herabgesunkenes Kulturgut: dem Wohle sich widmen, von Talmi blitzend, wäre einer Analyse wert.)

Immer wieder Gustav Heinemann... immer wieder und niemals. Vorgezeigt wurde nur ein Klischee; man hatte eine Puppe maskiert; der Mann selbst blieb im Dunkel. Und dabei wäre es doch so einfach gewesen, durch eine Analyse seiner Reden und politischen Verlautbarungen die Grundstruktur der Heinemannschen Theorie herauszuarbeiten, in den Proklamationen die eine Idee der Zurücknahme zu zeigen: Zurücknahme der Vorstellung, daß der Wert einer Persönlichkeit sich nach seiner Innerlichkeit, und Tiefe und nicht nach seiner Tätigkeit für die Gesellschaft bemesse, Zurücknahme der reformatorischen Übersublimierung des Geistes als eines kompensatorischen Akts (die Welt, den Herrschern überlassen, so böse immer sie seien, aber dafür den Himmel bewahrt!), Hegel gegen Luther ausgespielt, Müntzer die Ehre gerettet, Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ mit den Hagiogräphien der Sieger verglichen! Und Ernst gemacht mit dem Satz – und ihn der Wirklichkeit gegenüberstellt: die Botschaft den Kaufmannsinteressen –: „Alles unter euch geschehe in Liebe.“

Das Porträt des Präsidenten Heinemann ist noch nicht gezeichnet: Auf Toasts verstand sich auch Theodor Heuss (der doch wohl ebenfalls ein „profilierter Politiker“ war: ex negatione nachzulesen bei Tucholsky!); Eier löffeln und ein Nickerchen machen konnte auch Heinrich Lübke; man muß den Griffel schon ein wenig fester anfassen – und, beispielsweise, zu zeigen versuchen, in welcher Weise hier ein Mann darangegangen ist, sein Amt zur Änderung jenes Amtsbegriffs zu nutzen, der dem einzelnen zu viele und den vielen zu wenige Rechte gibt.

Statt vom „Bürgerpräsidenten“ zu faseln, hätte man der Heinemannschen Vorstellung des mündigen Bürgers nachgehen sollen. Mündige Bürger – mündige Gemeinde: Da zeichnet sich die demokratische Vision des allgemeinen Priestertums ab, für die das Amt nichts mehr als eine Funktion der Sozietät ist: Auf dem Präsidentenstuhl – ein Anwalt des linken reformatorischen Flügels!

Momos