Von Hermann Bößenecker

Der Widerspruch ist verblüffend: Die Aktivitäten unserer Wirtschaft greifen immer stärker ins Ausland über, die Märkte verflechten sich von Jahr zu Jahr mehr, und die Bildung „multinationaler“ Konzerne wird trotz komplizierter rechtlicher Voraussetzungen häufiger. Und dennoch wird es „leider immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter für einen Auslandseinsatz zu gewinnen“. So faßt Paul Dax, Leiter der Zentralabteilung Vertrieb der Siemens AG, die Erfahrungen seines Hauses zusammen.

Offensichtlich befürchten viele begabte und sprachgewandte junge Leute, die in einem Unternehmen auf Schlüsselpositionen spekulieren, den Anschluß zu verlieren, aus der „Ochsentour“ auszubrechen, wenn sie für einige Jahre ins Ausland gehen.

„Den unmittelbaren finanziellen Effekt schätzt man höher ein als längerfristige Aspekte“, bedauert Johann Daniel Gerstein, Exportleiter des Münchner „Löwenbräu“. Die Chancen in der Bundesrepublik sind zu verlockend, als daß junge Nachwuchskräfte sie für eine ungewisse Zukunft draußen aufs Spiel setzen möchten.

Wer unter vielen reizvollen Stellungen in der Bundesrepublik wählen und sich gut verkaufen kann, der wägt die Risiken eines mehrjährigen Auslandsaufenthaltes sorgfältig gegen die beruflichen Anreize ab. Auch wer für sein bisheriges Unternehmen ins Ausland gehen soll und eine gewisse Garantie dafür hat, daß er hinterher wieder auf einem entsprechenden Posten unterkommt, für den bleibt das Problem der Rückkehr. Nicht wenige sind an ihm gescheitert. Das kann an den Rückkehrern selbst liegen, an ihren gewachsenen Ansprüchen oder am mangelnden Fingerspitzengefühl der Personalbosse.

„Die soziale Stellung ist draußen anders“, unterstreicht Siegfried Groß, Leiter des Referats Personal in der Siemens-Zentralverwaltung Ausland und damit „Herr“ über 67 000 Fachkräfte in Europa und Übersee, von denen nur noch 870 deutsche, vom Stammhaus ausgesandte Mitarbeiter sind.

„Die Entscheidungsfreiheit ist weit größer als in der Heimat. Man kommt in jüngeren Jahren an bedeutendere Aufgaben heran als in Deutschland.“ Da kann es nicht ausbleiben, daß nach der Rückkehr oft Spannungen auftauchen, sich Unzufriedenheit und Enttäuschung breitmachen oder die Einordnung nicht mehr gelingen will. Groß hat allerdings im eigenen Hause noch kaum „Wiedereingliederungsbeschwerden“ festgestellt. Kündigungen sind ganz selten.