Europas größtes Städte- und Wohnungsbauunternehmen, die Neue Heimat, will Pionier sein: Auf jenen Vermögenszuwachs, der ihr Jahr für Jahr durch den Bau von rund 20 000 Wohnungen zufließt, wird sie künftig verzichten. Das gewerkschaftseigene Mammutunternehmen (Gesamtumsatz 1970: 2,55 Milliarden Mark) will nicht mehr davon profitieren, daß diese Mietwohnungen durch Entschuldung und Wertsteigerung immer wertvoller werden. Es will vielmehr einen Weg schaffen, der es ermöglicht, ausschließlich die Bewohner – ohne daß sie nennenswertes Eigenkapital aufbringen müßten – in den Genuß dieser Vermögens-Ansammlungen zu bringen.

Dem Plan ging eine Einsicht voraus: „Die Neue Heimat ist der Auffassung, da die Aufgaben der Stadterneuerung und Stadtentwicklung und der Strukturverbesserung nicht mit eigentumsfeindlichen Maßnahmen gelöst werden können, sondern – im Gegenteil – durch Schutz und Förderung des privaten Eigentums.“ Allerdings: der alte Eigentumsbegriff müsse ergänzt, neue „Eigentumsformen“ gefunden werden.

Vorstand und Aufsichtsrat der Neuen Heimat beschlossen, eine Gewerkschaftspolitik eigener Art zu praktizieren: Vorstandschef Albert Vietor spricht von „sozialer Absicherung“ der Wohnungsinhaber, von einem „beispielhaften Beitrag Zur Vermögensbildung auch und vor allem jener Schichten, die nicht über eine Eigenkapitalbasis verfügen“. Ihnen soll nun der „Verzicht der Neuen Heimat auf die Mehrung des eigenen Vermögens zugunsten der Vermögensbildung dritter“ helfen.

Praktiziert werden soll die „Aufteilung“ des künftigen Wohnungsbauvolumens der Neuen Heimat, die zur Zeit rund 300 000 Wohnungen verwaltet, als „neue Eigentumsform“, als „Blockeigentum“.

Albert Vietor schwebt – auf dem Wege über eine Novellierung des Vermögensbildungsgesetzes – die Gründung spezieller. Formen von Kapitalanlagegesellschaften vor. Die Miteigentümer der Wohnblöcke – die räumlich keineswegs unbedingt zusammenhängend sein müssen – erhalten nach Vietors Modell nicht nur Papiere, in denen ihnen die Wertsteigerung zugestanden wird. Sie erhalten überdies in den ihnen gehörenden Wohnungen ein Wohnrecht.

Die Identität jener, die von der Kapitalansammlung profitieren und jener, die in den Wohnungen leben, soll garantiert sein. Wenn die Wohnungen entschuldet sind, sollen die Bewohner nur noch ein mäßiges „Nutzungsentgelt“ zu entrichten haben.

Diese neuartige Kombination von Kapitalansammlung und Wohnrecht ist aber nicht allein auf der Basis einer Gesetzesnovelle möglich. Als Alternativen schlägt Victor vor: Gründung von „Blockgenossenschaften“ oder eine abgewandelte Form des „Hausbesitzbriefes“. izh