Der Bundestag hat am 24. Juni einstimmig das Gesetz über die Herabsetzung des Bleigehalts im Benzin verabschiedet. Danach muß ab 1. Januar 1972 der Bleizusatz im Benzin, der gegenwärtig durchschnittlich 0,44 Gramm je Liter beträgt, auf 0,4 Gramm beschränkt werden. Vom I. Januar 1976 an darf ein Liter Benzin nur noch 0,15 Gramm Blei enthalten. Unser Mitarbeiter beschäftigt sich mit der Frage, welche gesundheitsschädigenden Wirkungen das Blei hat, und mit den Konsequenzen des neuen Gesetzes für Autofahrer und Industrie.

Der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl (CDU) sagte anläßlich der Verabschiedung des Stufenplanes zur Verminderung von Bleizusätzen im Benzin, er stimme dem Gesetz zu, weil es besser sei als gar keine Regelung. Und auch die Bundesregierung meinte, von einer Entgiftung der Straßenluft durch das jetzt verabschiedete Gesetz könne keine Rede sein, da die weitere starke Zunahme des Autoverkehrs die Bleibegrenzung wieder wettmache und darum sogar mit einem „kräftigen Anstieg der Gesamtemission zu rechnen“ sei.

Wie die Zeichen stehen, wird das Thema Blei auch in den nächsten Jahren unter uns bleiben. Dafür werden nicht zuletzt die Mediziner sorgen, die in den USA und in Europa jetzt immer stärkere Indizien zusammentragen, die die Gefährlichkeit dieses Abgasbestandteiles belegen. Dazu werden aber auch Ölfirmen und die Autoindustrie beitragen, die die ihnen auferlegten Beschränkungen kaum kommentarlos hinnehmen werden. Und schließlich werden die Autofahrer gezwungenermaßen auf das Thema stoßen, wenn sie das erste Mal das neue „Fahrgefühl“ mit einem wahrscheinlich in Leistung und Preis veränderten bleiarmen oder bleifreien Benzin erleben.

Leider scheint aber am Ende dieser jetzt ins Haus stehenden, sehr unruhigen Übergangsperiode nicht das große Aufatmen – in einer atmungswürdigen Luft – zu stehen. Denn: Völlig ersatzlos können die Mineralölfirmen das Blei nicht aus dem Benzin nehmen, wollen sie eine frühzeitige Beschädigung der Ventilsitze in den Motoren vermeiden. Einige amerikanische Firmen, die heute bereits bleifreies Benzin herstellen, setzen ihrem Produkt deshalb eine – bisher meist geheimgehaltene – Phosphorverbindung zu. Wie die Umwelt-Fachzeitschrift „Environment“ in ihrer letzten Ausgabe (Nummer 5) berichtet, verwendet zum Beispiel Shell zu diesem Zweck Triarylphosphat (TAP) – und zwar in einer Menge, die bei allgemeiner Einführung bleifreien Benzins die Atmosphäre der USA mit Hunderten von Tonnen Phosphat beladen würde. Zwar sind über die möglichen gesundheitlichen Schäden durch Einatmen von TAP noch keine Studien veröffentlicht worden, jedoch legte die US-Navy, die TAP in ihren U-Booten verwendet, eine maximal zulässige Konzentration von 10 Milligramm je Kubikmeter Atemluft fest. Eine ähnliche Phosphorverbindung wie TAP, Trimethylphosphat (TMP), wurde im Vorjahr von einem Team amerikanischer Wissenschaftler untersucht und erbrachte ein bedenkliches Ergebnis: TMP, das in den USA bis 1970 als Benzinzusatz verwendet wurde, verursacht – wenn in größeren Dosen verabreicht – in männlichen Mäusen Veränderungen der Erbanlagen, die bei den Nachkommen zum Tode führen.

Sollten nun in Zukunft Phosphorverbindungen wie TAP und TMP ihren festen Platz als Bleiersatz im Benzin finden und die Wissenschaftler bei TAP ähnlich folgenschwere Wirkungen wie bei TMP feststellen, so hätte man nichts anderes getan, als den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Aber noch leben wir mit dem Blei, und zwar recht gefährlich. Die Mediziner sind sich schon lange Zeit darüber einig, daß vor allem in den Städten die Bleikonzentration der Atemluft zu gewissen Zeiten ein Niveau erreicht, das bereits gesundheitsschädigend sein muß. Bis jetzt gelang es ihnen aber nicht, einen eindeutigen kausalen Zusammenhang zwischen bleiverpesteter Luft und verschiedenen Krankheiten nachzuweisen. Die Beweisführung erweist sich nach Meinung der Ärzte deshalb als so schwierig, weil das Blei, in den heute üblichen Großstadtkonzentrationen eingeatmet, oft erst Jahre später Krankheiten auslöst, die dann nur mehr sehr schwer auf die eigentliche Ursache zurückzuführen sind. Eindeutige Diagnosen können meist nur bei akuten Bleivergiftungen – verursacht etwa durch einen Unfall in einem bleiverarbeitenden Betrieb – gestellt werden. Die Folgen solcher Vergiftungen sind oft Leber- oder Nierenschäden sowie Störungen des Zentralnervensystems und des Gehirns.

Neuere Untersuchungen in den USA und in England geben nun die bisher überzeugendsten Hinweise dafür, daß das Blei in der Luft sehr viele Menschen tatsächlich krank macht. Besonders gefährdet sind Kinder. So berichtete die kalifornische Gesundheitsbehörde, daß Ärzte in einer Gruppe von 100 geistig zurückgebliebenen Kleinkindern mehr als doppelt so große Bleimengen festgestellt hätten als bei normalen Kindern. Der Bleigehalt erreichte in der ersten Gruppe teilweise das Doppelte der von Wissenschaftlern noch als zulässig angegebenen Konzentration. Massenuntersuchungen in Chicago und New York führten zu noch erschreckenderen Ergebnissen: Über fünf Prozent der Kinder, vor allem solche aus den Armenvierteln, mußten in speziell für die Behandlung von Bleivergiftungen eingerichtete Kliniken eingewiesen werden. In diesem Prozentsatz sind allerdings auch jene Kinder enthalten, die sich durch den Genuß bleihaltiger Wandfarbe vergifteten; hier ist aber auch zu bedenken, daß nur etwa fünf Prozent des über den Magen in den Körper gelangenden Bleis von diesem absorbiert wird, während die über die Lunge eindringenden Bleipartikel bis zu 40 Prozent von Blut und Gewebe aufgenommen werden.