Von Wolfgang Müller-Haeseler

Die Silhouette des Ruhrgebiets wandelt sich. Wer 1975 noch den Förderturm einer Zeche sehen will, wird in Bochum, dem alten Kern des Ruhrgebiets, vergeblich danach suchen, in Essen wird er nur noch ein Stahlgerüst entdecken. Der Bergbau wandert – nach Norden, Osten und Westen, nach Recklinghausen, Hamm und Moers.

Mit dem Anpassungsprogramm der Ruhrkohle AG hat am 30. Juni dieses Jahres für die Zechen Katharina, Matthias Stinnes, Pörtingssiepen und Carl Funke in Essen und für die Anlagen der Bergwerke Bochum die Stunde der Wahrheit geschlagen. Schrittweise bis 1975 werden sie zusammen mit sieben anderen Zechen der Ruhrkohle AG ihre Pforten schließen müssen, jede fünfte der heute noch 52 Zechen wird 1975 nicht mehr existieren. 13 bis 14 Millionen Tonnen Steinkohle jährlich, die bisher mit erheblichen Verlusten aus dem Gestein gebrochen wurden, werden künftig nicht mehr ans Tageslicht geholt werden. Dafür sollen andere Zechen vergrößert, aufgestockt, rationalisiert werden, so daß sie zwischen 7,5 und 9,5 Millionen Tonnen mehr fördern als gegenwärtig. 1970 förderten die Ruhrzechen 85 Millionen Tonnen, 1975 werden es noch zwischen 79 und 81 Millionen Tonnen sein.

Diese Menge glauben die Verkäufer der Ruhrkohle AG auch in fünf Jahren noch absetzen zu können, an die Kraftwirtschaft, an die Stahlindustrie, die Chemie und die Haushalte. Ob die Ruhrkohle AG 1975 dann einen Geschäftsbericht vorlegen wird, in dem keine roten Zahlen mehr stehen, vermag selbst der heutige Kohlenboß Hans-Helmut Kuhnke nicht zu prophezeien: „Wo die Gesundung des Ruhrbergbaus liegt, kann heute noch niemand sagen.“ Das wird wesentlich davon abhängen, wie die Kostenentwicklung in den kommenden Jahren sein wird. Kuhnke: „Wir haben allein 1970 Sach- und Lohnkostensteigerungen von einer Milliarde Mark gehabt.“

Vieles wird auch davon abhängen, wie sich die Kosten der Konkurrenten der Kohle auf dem Energiemarkt künftig entwickeln werden. Kuhnke: „Niemand kann erwarten, daß die Kohle 3,40 Mark an der Tonne verdient, wenn einzelne Mineralölgesellschaften an jeder Tonne importierten Rohöls 3,40 Mark verlieren.“ Aber Kuhnke ist der festen Überzeugung, daß die deutsche Energiewirtschaft ohne die Steinkohle nicht auskommen kann. Bei dieser Prognose befindet er sich in Gesellschaft des Leiters der Generaldirektion Energie bei der EWG, Oskar Schumm, der in der Untersuchung des künftigen Energiebedarfs Europas zu dem Schluß kommt, daß die Kohle ihre Stellung angesichts des wachsenden Bedarfs zumindest bis 1980 halten wird. Er rechnet mit einem Ansteigen des Energiebedarfs bis 1975 um rund 70 Prozent und bis zum Jahre 2000 noch einmal mit einer Verdoppelung. Bestenfalls, so meint Schümm, kann der Zuwachs von den anderen Energieträgern Erdöl, Erdgas und Atomenergie bewältigt werden, so daß die Kohle selbst bei einem prozentualen Rückgang ihres Anteils auch 1980 noch dieselbe Leistung bringen muß wie 1970.

Das schließt jedoch nicht aus, daß die Ruhrkohle – mit dem größten geschlossenen Fördergebiet Europas – gewaltige Anstrengungen unternehmen muß, wenn sie trotz der Kostensteigerungen bei den anderen Energieträgern konkurrenzfähig bleiben will. Das Anpassungsprogramm, das angesichts der prekären finanziellen Situation der Ruhrkole AG um ein halbes Jahr vorgezogen wurde, soll diesen schmerzhaften Schnitt einleiten. Für die Belegschaft der betroffenen Zechen bedeutet dieses Programm neue, wenn auch heilsame Unruhe, denn jetzt kann sich jeder Bergmann ausrechnen, was in den kommenden Jahren auf ihn zukommt. Bisher war er vor Überraschungen nicht sicher. Ständig hieß es, das Stillegungsprogramm sei abgeschlossen, es seien nur noch marginale Zechen übrig. Dennoch mußten immer wieder weitere Arbeitsplätze aufgegeben werden.

Jetzt werden noch einmal 12 000 bis 15 000 Bergarbeiter betroffen sein. Sie müssen entweder aus dem Bergbau ausscheiden oder sich auf einen anderen Arbeitsplatz versetzen. lassen. Dabei wird es nicht immer damit abgehen, daß sie lediglich einen mehr oder weniger weiten Weg zu einer neuen Zeche haben werden; durch die Wanderungsbewegung des Bergbaus werden auch bodenständige Bergleute unter Umständen mit ihrer Familie umziehen müssen. Abgesehen von der persönlichen Unbequemlichkeit bedeutet das für ihre Heimatgemeinde einen Steuerausfall, für die Kaufleute und Gaststätten weniger Umsatz.