Jede Schule sollte mindestens einen Psychologen haben

Schüler meutern oft über Willkür und Unterdrückung in der Schule, und sie sind unzufrieden mit den Disziplinarmaßnahmen der Lehrer. Das scheint durchaus nicht immer unberechtigt zu sein. Man betrachte unser Disziplinarstrafsystem in der Schule nur einmal näher. Drei Hauptpunkte kann man gegen dieses System vorbringen:

1. Der Lehrer ist der vom Fehl verhalten des Schülers (was als solches „Fehlverhalten“ zu bezeichnen ist, ist ein weiterer Diskussionspunkt) unmittelbar und direkt Betroffene. Er, der sich also über den Schüler ärgert und beklagt, hat nun die Aufgabe, ihn zu bestrafen. Die Strafe wird in den meisten Fällen also unter subjektiven Gesichtspunkten verhängt, und die Gerechtigkeit kommt zu kurz. Außerdem kann man von einem Lehrer kaum verlangen, sein eigenes Mitverschulden an einem Konflikt bei der Strafzumessung zu berücksichtigen. Grob gesagt: Der Kläger ist auch der Richter!

2. Dem Schüler fehlt es angesichts dieser ihm bewußten Übermacht der Lehrer nicht selten an Mut, gegen die Entscheidung eines Lehrers vorzugehen. Denn er befürchtet weitere Repressionen. Dazu ein Lehrer (Oberstudienrat an einem Gymnasium): „Ich sitze ja doch am längeren Arm des Hebels.“ Dieser Lehrer gesteht seine Übermacht wenigstens ein, versucht aber gleichzeitig, dadurch die Schüler einzuschüchtern. Leider gibt es keine neutrale Stelle, die über einen Einspruch der Schüler entscheiden könnte.

3. Die bisherigen Strafanordnungen verfehlen ihren Zweck und sind sinn- und wertlos. Kein Schüler macht sich heute noch etwas aus einer Eintragung ins Klassenbuch. Ein schriftlicher Tadel nach Hause jedoch verärgert den Schüler, weil er das Verhältnis zu den Eltern belastet, was obendrein noch Rückwirkungen auf seine schulischen Leistungen haben kann. Auch Straf- und Sonderarbeiten verfehlen ihr Ziel. Der Schüler ist wütend auf den Lehrer, sieht jedoch sein falsches Verhalten nicht ein. Die Strafe aber muß, wenn sie Erfolg haben will, die Einsicht falschen Verhaltens bewirken. Dies tut sie offenbar nicht mehr.

Wenn man diese Mängel ernsthaft beseitigen will, muß man meiner Meinung nach das Disziplinarsystem radikal ändern.

Zunächst einmal sollte der Begriff „Strafe“ in der Schule ersetzt werden durch „Pädagogische Maßnahme“. Das Wort „Strafe“ erinnert zu sehr an Gefängnis, es hat den Beigeschmack der „Rache“, nach dem Motto: „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn.“ Natürlich genügt es nicht, nur die Bezeichnung zu ändern. Die „Pädagogische Maßnahme“ sollte die Aufgabe haben, dem Schüler sein falsches Verhalten zu demonstrieren und ihn zur Einsicht zu bringen. Solche Maßnahmen könnte natürlich nur von voll ausgebildeten Pädagogen getroffen werden. Sie müßten außerdem auf jeden Schüler individuell abgestimmt werden. Dazu wäre auch ein Psychologe notwendig. Das heißt also: Jede Schule brauchte, je nach Größe, mehrere voll ausgebildete Pädagogen und wenigstens einen Psychologen. Die Aufgaben des Lehrers würden also geteilt: der Lehrer wäre reiner Wissensvermittler, die Erziehung würde von den Pädagogen besorgt. Solch ein Modell hätte den Vorteil, daß die am Anfang erwähnten Mängel des alten Systems wegfielen, nämlich: