Es war in einem von Touristen bevölkerten Ort. Ich selber gehörte nicht zu den Touristen, sondern war auf der Reise anderswohin und machte nur kurze Station zum Mittagessen in einem Restaurant, wollte aber vorher eben noch auf das nahe Postamt gehen, um dort einige Briefmarken zu kaufen.

Als ich aus dem Restaurant trat, zielte ein Tourist mit seiner Kamera gerade in meine Richtung; die Aufnahme galt offenbar zwei Kätzchen, die neben der Tür miteinander spielten. Jedoch wurde anscheinend dieses Objekt seines photographischen Interesses von zwei anderen Touristen mißverstanden, denn kaum hatten diese gesehen, daß in meiner Richtung geknipst worden war, zückten auch schon beide ihre Kameras. Dies wiederum wurde beobachtet von einer größeren Gruppe, die in der Nähe herumstand, und als ich an der Gruppe vorbeiging, wurde ich – knips, knips – wieder erwischt.

Die Straße war von Touristen sehr belebt, und so blieb auch dieser Überfall nicht unbemerkt. Andere pirschten sich alsbald mit ihren Kameras heran – welcher Tourist hat heutzutage keine dabei! – knips, und wieder mußte ich dran glauben, noch einmal, knips, es schien ebenso ansteckend zu sein wie das Gähnen. Die Leute gingen schon hinter mir her, denn als ich mich umwandte, blickte ich in etwa ein halbes Dutzend Kameras, die mich schnappten, ehe ich mich in das Postamt retten konnte.

Als ich wieder ins Freie trat, sah ich mich einem Auflauf gegenüber. Mit Knipsen war es schon nicht mehr getan; man drückte mir allenthalben Schreibzeug in die Hand, damit ich meinen Namenszug hergebe. Das Ungewohnte der verschiedenartigen Federhalter, Bleistifte, Kugelschreiber, Zettel, Postkarten und Notizbücher, die man mir reichte, bewirkte ebenso wie das Gedränge, in das ich geriet, daß mein Namenszug einmal aussah wie „Goethe“, einmal wie „Julius Caesar“, dann wie „Mao“, je nachdem, wie ich gerade hin- und hergestoßen wurde. Ich sah auch jetzt schon surrende Filmapparate auf mich gerichtet. Ein Polizist sorgte bereits für einen besser geregelten Zustrom der Menschen. Ich hörte aus der Menge, wie der eine den anderen fragte, wer ich sei, und ich vernahm einmal die Antwort: „Der Schah von Persien“, einmal: „Wernher von Braun“ und einmal: „Engelbert Schröder“ – ich weiß auch nicht, wer das ist.

Erst als ich mir mühsam einen Weg zum Restaurant zurück bahnte, darin nun glücklicherweise von drei Polizisten und aus der Nähe herbeigerufenen Pioniertruppen unterstützt, konnte ich jemandem meinen wahren Namen sagen, der sich geschwind durch die Menge verbreitete, allerdings wieder begleitet von der Frage, wer das sei, und ich hörte die Antwort: „Das ist doch der amerikanische Popstar“, ein anderes Mal hieß es: „Der brasilianische Fußballspieler.“

Ins Restaurant konnte die Menge mich nicht verfolgen, da der Eingang hinter mir gleich von den Pioniertruppen abgeriegelt wurde. Ich ging geradewegs durch das Restaurant hindurch und verließ durch den hinteren Ausgang, der an der Küche vorbeiführte, unauffällig das Haus, marschierte ums Restaurant herum und schloß mich der Menge an, die vor dem Restaurant auf mich wartete. Ich wollte mich nach vorn drängen, wurde aber immer wieder zurückgestoßen, und die Leute, die mich stießen, nannten mich nun „Kaffer“ und „Sie rüpelhafter Mensch, Sie!“

Schließlich ließ ich mich von den Leuten einschüchtern und wartete vor dem Restaurant nicht länger auf mein Erscheinen. Ich sah nicht ein, warum ich mich von der Menge dauernd nach hinten drängen lassen sollte, nur um einen Mann zu sehen, dem es gelungen war, von derselben Menge nach vorn gedrängt zu werden.

Klaus Mampell