Neues über einen alten Werkstoff

Von Kai Krüger

Sollte sich jemand den Scherz erlauben, an das Edelholz-Armaturenbrett eines Luxusautos einen Magneten zu halten, kann er zu seiner Überraschung erleben, daß der Magnet auf diesem Holz sehr gut haftet. Dasselbe kann auch in einem altbritisch mahagonigetäfelten Chefbüro gelingen, oder an einem edlen Palisander-Schreibtisch. Und Deutschlands jüngste Holzfachleute lachen sich ins Fäustchen: die Stahlbosse von der Ruhr.

Zwar lassen sie sich oft und gern als „Frühinvaliden der Konjunktur-Baisse“ bedauern, und sie haben sich ausgerechnet, daß der Kunststoff ihnen jetzt schon fünf Prozent ihres Marktes abgejagt hat und auf zwölf Prozent kommen wird, wenn bis zum Jahre 2000 die Autos Kunststoff-Karosserien haben werden, doch glauben sie nicht daran, daß die Kunststoff-Karosserie im Automobilbau wirklich kommen wird. Und das Lastenheft für das neue Sicherheitsauto gibt ihnen recht: „Kunststoff kann nicht wie Stahl Aufprallenergie durch Verformung auffangen. Kunststoff kennt keine Knautschzonen.“ Folglich zitieren sie gern einen amerikanischen Automobilfachmann, der gesagt haben soll: „Wenn man seit achtzig Jahren Kunststoff-Karosserien gebaut hätte, dann wäre heute die Erfindung der Stahlkarosserie eine der größten technischen Sensationen.“

Nein, im Umgang mit ihrem Werkstoff-Feind Nummer eins zeigen sich die Leute vom Stahl vielmehr sehr gewitzt. Statt ihn zu bekämpfen, sind sie mit dem Kunststoff eine Ehe eingegangen: Kunststoff-Stahl. Das ist mit Kunststoff beschichtetes Stahlblech, das sich pressen, prägen, tiefziehen, stanzen, sägen, biegen und kleben läßt, das den Maler spart und die tragende Struktur, weil es selbsttragend ist. Das man mit dem Schraubenschlüssel auf- und wieder abbauen kann, das sich in der Hitze nicht verzieht und in der Nässe nicht modert. Die Kunststoffleute entwickelten immer neue, dekorative Farben für den Stahl. Unter anderem auch Folien mit einem Edelholz-Image, das nur Säge oder Magnet entlarven. Was einst der Tischler mit Hobel und Schleifpapier vollbrachte, liefert heute die Tiefziehpresse.

Eigentlich ist der Kunststoff-Stahl ein alter deutscher Hut; es gibt ihn, seit die findigen Ruhr-Stähler im letzten Krieg ordinäres Blech mit PVC-Folien überzogen, um daraus Konservendosen zu machen, weil es Zinn für Weißblech nicht gab. Doch es blieb wieder einmal den Amerikanern vorbehalten, aus diesem Patent mehr zu zaubern als Verpackungsmittel für Frontverpflegung. Inzwischen beschichten die Amerikaner jährlich eine Million Tonnen Feinblech mit Kunststoffen, das ist ein Fünftel ihrer Blechproduktion. Und die Idee ist wieder an die Ruhr zurückgekehrt. Eineinhalb Prozent der hier produzierten Feinbleche wurden im vergangenen Jahr in die Kunststoff-Ehe eingebracht, doch das ist erst der Anfang. Die Manager sagen: „Wir sind uneingeschränkte Optimisten.“

Beschichtet wird am laufenden Band, und zwar mit allen gängigen Kunststoffen, allen voran PVC. Aber auch Acrylate, Epoxide und Polyester werden verarbeitet, bei unterschiedlichem Druck und Temperaturen bis zu zweihundert Grad. Anschließend lassen sich bedruckte oder geprägte Kunststoffolien aufwalzen, und so wird dem Stahl nicht nur die Welt des Schreiners erschlossen, sondern die des Malers, des Maurers und des Plattenlegers gleich dazu.