Wo das Unmögliche zum Alltag gehört

Von Peter Demetz

Als ich vor zwölf Jahren zum erstenmal nach Portugal kam, war meine Meinung über Land und Leute rasch gebildet, und ich floh nach drei Tagen über Badajoz nach Salamanca. Lissabon schien mir ein Spießerparadies (die gutbürgerliche Hausfrau, gefolgt vom Dienstmädchen, das ihr die Einkäufe im Körbchen nachtrug), die neue Architektur Hitlers Reichskanzlei treu nachempfunden, und selbst die Volkswagen, als pures Statussymbol, von livrierten Chauffeuren gelenkt.

Zwei Jahre später war ich wieder da, wohnte auf einem der Altstadthügel, aß pescadinhos im Café India, wo es nach rechtschaffener Küche noch und die Studenten diskutierten, und begann allmählich zu begreifen, wie sich in dieser Stadt und diesem Land die Gegensätze, Spannungen, Schattierungen und Nuancen in fast unmerklichen Übergängen zu geschichtsschweren Mustern verbanden, an denen jedes voreilige Urteil wie blindlings abglitt.

Portugal hat sich seit dem dreizehnten Jahrhundert mit dem Blick auf den Atlantischen Ozean, nicht auf Europa, entwickelt und versponnen, epochenlang, in untätige Selbstreflexion – wer dieses Land kennen und klären will, der muß von innen nach außen gehen und nicht den umgekehrten Weg.

Von innen nach außen – das eben geschieht, mit bedeutendem Erfolg, in dem neuen Buch von

Fritz René Allemann: "Acht Mal Portugal", Panoramen der modernen Welt, R. Piper & Co. Verlag, München; 399 S., 28,– DM.

Es ist ein intelligenter und analytischer Reiseführer, in dem Natur, Geschichte und politische Gegenwart ihre legitimen Rechte haben und der blaue Himmel über den Silberblättern der Olivenbäume den kritischen Blick auf die Misere der öffentlichen Institutionen nicht mit seinem Glänze blendet. Allemann schreibt, wie er selber sagt, "aus der Perspektive eines liberalen mitteleuropäischen Demokraten", eines Beobachters also, dem es auf die Nuancen ankommt. Er sieht die Geographie (die auf Vielfalt drängt) und die Geschichte (sie drängt auf Einheit) in dialektischem Wechselspiel und versteht es (ohne Sie übliche saudade-Mystik), die verschiedenen Regionen des Landes farbig und soziologisch genau zu charakterisieren: Lissabon, den schönen Polypen, der die produktiven Kräfte des Landes aufsaugt und die Dörfer verödet; Minho, den atlantischen Garten; Tras-os-Montes, das rauhe und zeitferne portugiesische Schottland, in dem er noch uralte Dorfkommunen (in der Tradition der Westgoten) entdecken; das Alentejo mit nackten Felsen und uralter Kirchenfeindschaft; die Algarve mit ihren weißen Dörfern und den Fehlinvestitionen der Tourismus-Industrie ...

Wo das Unmögliche zum Alltag gehört

Aber jedes Stück Natur hat seine Menschengeschichte; Allemann hat die einheimischen Historiker studiert (vor allem seinen Liebling Oliveira Märtins) und kennt das plötzlich Energische und dann wieder Ausgeblutete der lusitanischen Geschichte: die Entdeckungsfahrten, ein produktives Ereignis der ersten Entfaltung des europäischen Bürgertums, und, begründet im Kampf gegen Spanien, die fatale Allianz mit England, die seit dem frühen achtzehnten Jahrhundert den portugiesischen Industrialisierungsprozeß unterbunden hat – Portwein für den britischen Tisch, aber keine Chancen für die alte autochthone Textilindustrie; "Portugals Geschichte als Portugals Last", Geschichte als

"Trauma der Gegenwart".

Ich wünschte nur, Allemanns Kapitel über die portugiesische Literatur wäre von ähnlicher Substanz und begnügte sich nicht mit einem rapiden und flachen Überblick; wir erfahren immerhin einiges über den genialen Lyriker Fernando Pessoa, aber die vier Zeilen über Eça de Queiróz, den lusitanischen Flaubert, sind lange nicht genug.

Unterrichtend, Allemanns Analyse des Salazar-Systems und die jüngste Entwicklung in den zweieinhalb Regierungsjahren Marcello Caetanos mit der Information in einem anderen aktuellen Buche zu vergleichen –

Rudi Maslowski: "Der Skandal Portugal" – Land ohne Menschenrechte; Hanser Verlag, München; 275 S., 19,– DM.

Unterrichtend deshalb, weil Allemann als militanter Liberaler urteilt und Rudi Maslowski eher mit der radikalen Opposition und mit den afrikanischen Widerstandsgruppen sympathisiert. Allemann ist geneigt, auch die "unzweifelhaften Verdienste des Estado Nuovo" zu sehen, ohne sich von seiner Fassade täuschen zu lassen; Maslowski sieht, als Politologe, Portugal verstrickt’ in seinen afrikanischen Krieg und sammelt unbekanntes Material über den Verlauf der Konflikte und die Struktur der Oppositionsgruppen in Angola, Guinea und Mozambique. Er argumentiert, auf seine straffe und ungeduldige Art, in einem legitim erweiterten Horizont der politischen Geschehnisse, welche die portugiesische politische und ökonomische Entwicklung seit den frühen sechziger Jahren determinieren, aber die Erweiterung bedarf noch der soziologischen Dimension und gerät zuzeiten in Gefahr, zur bloßen Chronik oder zur polemisch zitierten Statistik herabzusinken; ich interessiere mich für die in der DDR publizierten Berichte der afrikanischen Widerstandsgruppen, aber ich wünsche mir auch ihre kritische Analyse.

Merkwürdig, daß Allemann, der eher dem Kulturmorphologischen zuneigt, bei Gelegenheit dem Politologen in genauen Dokumentationen voraus ist – so dort, wo Maslowski meint, die portugiesischen Hochschulen stünden "nur den Reichen offen", und Allemann mit einer soziologischen Analyse der portugiesischen Studentenschaft aufwartet, die den prozentuellen Anteil der Beamten- und der "Intelligentsia"-Kinder genauer bestätigt; so dort, wo Maslowski ein plakatives Bild von der Funktion der Kirche entwirft, Allemann aber genauer zwischen dem traditionellen Antiklerikalismus im Süden und dem fast bayerischen Wallfahrtskatholizismus im Norden des Landes unterscheidet, den Bestimmungen des Konkordats nachgeht (das theologische Fakultäten von den Staatsuniversitäten trennt) und über den divergenten Charakter der Kirche in Portugal selbst und in den Kolonien zu berichten weiß.

Wo das Unmögliche zum Alltag gehört

Der Politologe, der sich gern auf französische Sekundärliteratur stützt, urteilt zu abstrakt, und die Ereignisse des Alltags (und auf die kommt es in der Frage der Menschenrechte eigentlich an) stimmen dann nicht. Maslowski argumentiert zu Recht gegen die Zensurbehörden, aber Allemann weiß unvergleich mehr über die Finessen des Alltagskonflikts zwischen Autoren und Zensur und erklärt uns die Möglichkeiten der "dicken Zeitschriften" und der Bücher, die der Vorzensur nicht unterliegen – wie es also möglich ist, daß eine eminente Zeitschrift mit dem Porträt Chés auf dem Titelblatt erscheint, gewisse Schriften Georg Lukács’ in Übersetzung erhältlich sind und (wie ich unlängst selber sah) die Gesammelten Werke Maxim Gorkijs in allen anspruchsvollen Buchhandlungen das Zentrum der Aufmerksamkeit bilden.

Schwarz und Weiß sind nicht genug in diesem Lande der Komplikationen, in welchem das theoretisch Unmögliche zum Alltäglichen zählt. Ich erinnere mich an einen Lissaboner Freund, der mir erzählte, ein junger katholischer Schriftsteller sei zu ihm (dem ehemaligen Kommunisten) gekommen und habe ihn mit Tränen in den Augen gebeten, ein gutes Wort für ihn bei den jungen Verlagslektoren einzulegen (die ebenso links sind wie ihre Kollegen in der Bundesrepublik); er hätte sonst nicht die geringste Chance, seine Arbeiten je veröffentlicht zu sehen. Si non è vero....?

Der liberale Beobachter und der radikale Politologe finden sich in der entscheidenden Frage nach der möglichen Lockerung des Systems allein durch Nuancen getrennt, aber auf die kommt es an. Maslowski meint, die Diktatur sei unverbesserlich, und Allemann verhehlt uns seine tiefe Skepsis nicht. Er fördert unsere kritischen Überlegungen, indem er uns, sachlich und instruktiv, die politischen und ökonomischen Unternehmungen Caetanos gleichsam katalogisiert (einschließlich der Erweiterung der Krankenversicherung auf dem Lande, der Rückkehr des exilierten Sozialdemokraten Mario Soares, der Oppositionskongresse).

Die Frage, mit der ich mich so konfrontiert sehe, ist die – ich durfte die potentielle Liberalisierung der stalinistischen Diktaturen mit teilnehmender Sympathie verfolgen, nicht aber ähnliche Prozesse im korporativen Staat? Ich darf mit Dubček und Kadar fühlen, nicht aber mit den jüngeren Technokraten Caetanos, weil mir die radikale Politologie versichert, der Salazarismus sei ein für allemal unverbesserlich? Was tun? Mit den spintisierenden Lissaboner Maoisten in der einst linkskatholischen Zeitschrift O Tempo e o Modo sympathisieren und mit ihnen auf den großen "Kladderadatsch" (Allemann) hoffen, der niemandem gelegener käme als den Ultras in Armee und Polizei?

Zum Glück für die unmittelbar Betroffenen ist die tägliche Praxis entscheidender als jedes dogmatische Urteil auf dem geduldigen Papier.