Aber jedes Stück Natur hat seine Menschengeschichte; Allemann hat die einheimischen Historiker studiert (vor allem seinen Liebling Oliveira Märtins) und kennt das plötzlich Energische und dann wieder Ausgeblutete der lusitanischen Geschichte: die Entdeckungsfahrten, ein produktives Ereignis der ersten Entfaltung des europäischen Bürgertums, und, begründet im Kampf gegen Spanien, die fatale Allianz mit England, die seit dem frühen achtzehnten Jahrhundert den portugiesischen Industrialisierungsprozeß unterbunden hat – Portwein für den britischen Tisch, aber keine Chancen für die alte autochthone Textilindustrie; "Portugals Geschichte als Portugals Last", Geschichte als

"Trauma der Gegenwart".

Ich wünschte nur, Allemanns Kapitel über die portugiesische Literatur wäre von ähnlicher Substanz und begnügte sich nicht mit einem rapiden und flachen Überblick; wir erfahren immerhin einiges über den genialen Lyriker Fernando Pessoa, aber die vier Zeilen über Eça de Queiróz, den lusitanischen Flaubert, sind lange nicht genug.

Unterrichtend, Allemanns Analyse des Salazar-Systems und die jüngste Entwicklung in den zweieinhalb Regierungsjahren Marcello Caetanos mit der Information in einem anderen aktuellen Buche zu vergleichen –

Rudi Maslowski: "Der Skandal Portugal" – Land ohne Menschenrechte; Hanser Verlag, München; 275 S., 19,– DM.

Unterrichtend deshalb, weil Allemann als militanter Liberaler urteilt und Rudi Maslowski eher mit der radikalen Opposition und mit den afrikanischen Widerstandsgruppen sympathisiert. Allemann ist geneigt, auch die "unzweifelhaften Verdienste des Estado Nuovo" zu sehen, ohne sich von seiner Fassade täuschen zu lassen; Maslowski sieht, als Politologe, Portugal verstrickt’ in seinen afrikanischen Krieg und sammelt unbekanntes Material über den Verlauf der Konflikte und die Struktur der Oppositionsgruppen in Angola, Guinea und Mozambique. Er argumentiert, auf seine straffe und ungeduldige Art, in einem legitim erweiterten Horizont der politischen Geschehnisse, welche die portugiesische politische und ökonomische Entwicklung seit den frühen sechziger Jahren determinieren, aber die Erweiterung bedarf noch der soziologischen Dimension und gerät zuzeiten in Gefahr, zur bloßen Chronik oder zur polemisch zitierten Statistik herabzusinken; ich interessiere mich für die in der DDR publizierten Berichte der afrikanischen Widerstandsgruppen, aber ich wünsche mir auch ihre kritische Analyse.

Merkwürdig, daß Allemann, der eher dem Kulturmorphologischen zuneigt, bei Gelegenheit dem Politologen in genauen Dokumentationen voraus ist – so dort, wo Maslowski meint, die portugiesischen Hochschulen stünden "nur den Reichen offen", und Allemann mit einer soziologischen Analyse der portugiesischen Studentenschaft aufwartet, die den prozentuellen Anteil der Beamten- und der "Intelligentsia"-Kinder genauer bestätigt; so dort, wo Maslowski ein plakatives Bild von der Funktion der Kirche entwirft, Allemann aber genauer zwischen dem traditionellen Antiklerikalismus im Süden und dem fast bayerischen Wallfahrtskatholizismus im Norden des Landes unterscheidet, den Bestimmungen des Konkordats nachgeht (das theologische Fakultäten von den Staatsuniversitäten trennt) und über den divergenten Charakter der Kirche in Portugal selbst und in den Kolonien zu berichten weiß.