Zum Beginn der Urlaubszeit überraschten die Kraftfahrzeugversicherer Deutschlands Autofahrer mit der Ankündigung, daß sie die Tarife für die Haftpflichtversicherung erhöhen wollen.

Halten Sie eine Erhöhung der Kraftfahrzeugprämien zum 1. August 1971, wie sie die Versicherer beantragen wollen, für notwendig?

Conradt: Die bisher bekannten Kennziffern für das Jahr 1971 zeigen, daß der ungünstige Schadenverlauf in der Kraftfahrtversicherung – entgegen den ursprünglichen Annahmen – unvermindert anhält. Wenn die geltenden Beiträge nicht alsbald angehoben werden, treten zwangsläufig bei den Kraftfahrtversicherern weitere Verluste ein. Das kann weder im Interesse der Versicherungsnehmer noch im Interesse der Verkehrsopfer liegen.

In welcher Weise prüft das Bundesaufsichtsamt die Berechtigung solcher Forderungen?

Conradt: Das Bundesaufsichtsamt prüft die Berechtigung der von den Versicherern gestellten Prämienforderungen an Hand von statistischen Werten aus der Vergangenheit und auf der Grundlage einer Schätzung der zukünftigen Schadensentwicklung. Eine solche Schätzung. ist im Wege von Trendberechnungen möglich, die aus der Schadensentwicklung der Vergangenheit abgeleitet werden. Der seit über einem Jahr andauernde starke Anstieg der Schadenleistungen läßt allerdings solche Trendberechnungen im gegenwärtigen Zeitpunkt zweifelhaft erscheinen. Die künftige Schadensentwicklung muß daher an Hand von möglichst gegenwartsnahen Indikatoren geschätzt werden.

Die bisher bekannten Daten amtlicher Stellen für die ersten fünf Monate des Jahres 1971, zum Beispiel die Zahl der gemeldeten Verkehrsunfälle; die Lohn-Preis-Indizes, der Bestand an Kraftfahrzeugen, gestatten für die Entwicklung im Jahre 1971 schon eine gewisse Voraussage: Sie deuten auf einen Rückgang der Schadenhäufigkeit hin, lassen aber bei fast unvermindertem Einkommensanstieg – unter Berücksichtigung einer zeitlichen Verzögerung bis zum Wirksamwerden in den Schadenaufwendungen – eine weitere Steigerung des Schadendurchschnittes sowie des Schadenbedarfs (Schadenaufwand pro Vertrag) gegenüber 1970 erwarten. Eine Prognose für: 1972 bereitet dagegen Schwierigkeiten. Wenn man für dieses Jahr keine negative Veränderung der Schadenhäufigkeit und eine Beruhigung auf dem Lohn- und Preissektor unterstellt, dürfte trotzdem eine gewisse Steigerung des Schadenbedarfs gegenüber 1971 zu erwarten sein.

Wann wird das Amt über die Anträge der Versicherer entscheiden?