Von Marion Gräfin Dönhoff

Als am 25. März das blutige Gemetzel in Ostpakistan begann, da gab es Zyniker, die meinten, Yahya Khan wolle die Bevölkerung Ostpakistans so lange dezimieren, bis sich herausstelle, daß der Westen und nicht der Osten die Majorität des Volkes darstelle. Da inzwischen sechs Millionen Bengalen nach Indien geflüchtet sind und angeblich eine halbe Million umgekommen ist, könnte es sein, daß dieses Ziel tatsächlich erreicht wird!

Alle pakistanischen Dörfer in einem acht Kilometer breiten Gürtel entlang der indischen Grenze sind dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Strom der Flüchtlinge, der sich in das von Hunger und Armut geplagte Indien ergießt, reißt nicht ab: In die indische Grenzstadt Bongaon, die sechzig Kilometer nördlich von Kalkutta liegt und 50 000 Einwohner zählt, sind 300 000 Flüchtlinge eingeströmt.

Kein Wunder, daß manche Inder sagen, ein Blitzkrieg gegen Pakistan wäre billiger gewesen als sechs Millionen Flüchtlinge in Permanenz. In der Tat steigen die Wellen der Erregung in Indien, und Krieg erscheint vielen als der einzige Ausweg. Für die „Falken“ in Neu-Delhi stellt er sogar eine gewisse Versuchung dar: Jetzt, da Teile der pakistanischen Armee im Osten gebunden sind, jetzt, wo der Haß der Bengalen gegen Rawalpindi eine endgültige Unabhängigkeit Ostpakistans garantieren würde, könnte der indische Erbfeind entscheidend und für immer geschwächt werden.

Man muß hoffen, daß die „Tauben“, die Vernünftigen die Oberhand behalten, denn wenn jetzt ein weiterer Krieg in Asien ausbräche, wären die weltpolitischenAuswirkun- gen ganz unübersehbar.

Man hat den Eindruck, daß Yahya Khan nicht nur kopflos und ohne irgendeine Zielvorstellung in das bengalische Abenteuer gestürzt ist, sondern daß er auch heute, wo das Ausmaß der Katastrophe für jedermann deutlich geworden ist, noch immer keine Konzeption hat. Vor ein paar Tagen gab der pakistanische Staatspräsident eine Erklärung ab, in der er die politische Lösung skizzierte, wie er sie sich vorstellt.

Man kann sich kaum etwas Weltfremderes, Absurderes vorstellen. In vier Monaten soll „die Machtübergabe auf nationaler Ebene“ stattfinden. Aber: die Awami-Liga, die von 169 Sitzen 167 erobert hatte, ist verboten worden, die gewählten Abgeordneten sollen jedoch als Individuen ihre Stimme behalten, bis auf diejenigen, die „gegen den Staat gearbeitet, Verbrechen begangen oder sich an der Gesellschaft vergangen haben“ – diese sollen durch Nachwahlen ersetzt werden.