In unserer deutschen Schule in Lima, Peru, sitzen im dreizehnten Schuljahr zwölf Abiturienten, sechs Jungen und sechs Mädchen; Wir leben in einem Land, von dem es heißt, daß hier die Generäle eine sozialistische Reform durchführen. Und obwohl wir in der Stadt wohnen, die das Zentrum politischer Macht ist, ist das politische Interesse unter meinen Mitschülern gleich Null. Meine Klassenkameraden möchten vor dem Eintritt ins Berufsleben noch möglichst lange das idyllische, unbekümmerte Schülerdasein ausnützen.

Vielleicht ist es auch nur Faulheit oder allgemeiner Unwillen gegen vorgeschriebene Arbeit, was die Schülergespräche auf Kleidung, Frisur, Strand, Feste und Fernsehartisten beschränkt. Zumindest bleiben unsere Diskussionen immer auffallend oberflächlich. Die Mehrzahl hält sich sowieso auf Grund von „Denkschwierigkeiten“ oder besser wohl wegen fehlender Vorbereitung vom aktiven Meinungsaustausch zurück. Zum Beispiel blieb man bei dem Rundgespräch über den Sinn des Abiturs an der Notengebung hängen. Niemand kam auf die Idee, das Schulsystem anzuzweifeln. Bei unserer letzten Diskussion über Wehrdienstverweigerung wollte man auf keinen Fall die Autorität des Staates in Frage stellen. Ich gebe zu, daß es hier, in einem diktatorisch verwalteten Land, nicht ganz einfach ist, frei über politische Zustände zu sprechen. Aber es wird ja nicht einmal der Versuch unternommen! Kaum einer hat es nötig, die Realitäten, die die Zeitung ins Haus bringt, zu beachten. Die Schüler dieser Auslandsschule leben glücklich unter sich. Sie haben alles: Geld, Essen, Kleidung, Unterhaltung, fahrbaren Untersatz. Ein kapitalstarker Vater läßt sie aus dem blumenumkränzten Fenster der sicheren Villa auf einen grünen Privatpark schauen. An die andere Seite der hohen Gartenmauer drückt sich vielleicht die Strohhütte einer zehnköpfigen arbeitslosen Familie aus den Bergen. Wir kennen das alles, aber besser nicht hinsehen – und ja nicht darüber reden.

Das Desinteresse gegenüber der Wirklichkeit breitet sich auch in der Schule aus. Man tut nur das Allernötigste. Der Rest wird morgens abgeschrieben. Freilich, einige Lehrer versuchen nun doch, den Schülern etwas Selbstverantwortungsgefühl zu vermitteln, denn sie wollen den Schülern unserer Klasse zur Abschlußfeier schließlich ein Reifezeugnis in die Hand drücken.

Erich Conradi, 17 Jahre