Athleten im Glutofen

Von Adolf Metzner

Die "leichten" Athleten wurden in der Sonnenglut, die das Neckarstadion in Stuttgart bei den Titelkämpfen in einen Backofen verwandelte, nicht gebraten und geröstet, sondern, oh Wunder, befeuert und beflügelt. Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß die jeweilige Disziplin kontinuierlich nicht länger als wenige Minuten dauern darf, danach erst lähmt die Hitze. Das heißt, in Distanzen ausgedrückt, bis zu etwa 1500 Metern wirkt sich eine hohe Außentemperatur nicht nachteilig, sondern eher günstig aus.

Sprinter lieben solche kalifornische Hitze geradezu. Daß in Stuttgart gleich am ersten Tag die 3000-Meter-Hindernisvorläufe ab 14.35 Uhr in der größten Sonnenglut durchgeführt wurden, zeigt, daß einige Organisatoren immer noch nicht wissen, daß Langstrecken bei solchen Temperaturen in die Abendstunden verlegt werden sollten, was dann am letzten Tag auf Einspruch der Aktiven und Trainer hin auch endlich geschah.

Auch Jung-Siegfried Uwe Beyer behagte die Hitze sichtlich. Die vierzehneinhalbpfündigen Wurfgeschosse, die er mit vier blitzschnellen Drehungen aus dem nur 2,13-Meter-Durchmesserkreis schleudert, sind wahre Rasenzerstörer. Deshalb führen die Veranstalter die Ausscheidungen im Hammerwerfen gern außerhalb des Stadions auf einem Nebenplatz durch, so daß dieser Regiefehler vielleicht verzeihlich war. Daß der nun allmählich in die besten Jahre kommende Kieler ausgerechnet hier unter Ausschluß der Öffentlichkeit seinen Weltrekord mit 74,90 Meter erzielte und damit den Sowjetrussen Bondartschuk um 22 Zentimeter übertraf, konnte man nicht ohne weiteres voraussehen, obwohl Uwe Beyer in diesem Jahr die 73 Meter regelmäßig "drin" hatte. So wurde er zum Helden hinter der Szene.

Schon als 20jähriger hatte er in Tokio 1964 überrascht, wo er sich die Bronzemedaille erwarf. Die hochgespannten Erwartungen – olympisches Gold, Weltrekord –, ein Nachfolger von Karl Hein oder Erwin Blask zu werden, erfüllte er dann doch nicht, obwohl er immer wieder mit Weltklassewürfen aufwartete. Als er zu filmen begann und als Mpdellathlet den Siegfried verkörperte, prophezeiten ihm viele im Sport den baldigen Niedergang. Aber nun im vorolympischen Jahr kommt dieses strahlende Comeback. Das zeigt, welch ein einfallsreicher, trainingsfleißiger und disziplinerter Kämpfer der andere Uwe, den man schon zum Playboy gestempelt hatte, doch wirklich ist. Wie 1936 dürften die Hammerwerfer für die bundesdeutsche Leichtathletik ein olympisches Paradestück werden, nachdem die Zehnkämpfer eine Woche zuvor in Bonn schon mit einem wiedergenesenen Bendlin mit Jahresweltbestleistung und vier Mann über 8000 Punkten gewaltig aufgetrumpft hatten.

Als der Held dann aus der Szene trat und sich zur Entscheidung in der Arena anschickte, blätterte für die Masse der Zuschauer ein wenig von dem Glanz Beyers ab, da seine Siegesweite "nur" 72,58 Meter betrug und der zweite, Walter Schmidt aus Darmstadt – das absolute Schwergewicht – nur 72 Zentimeter zurücklag. Auch hier, wie bei den Zehnkämpfern, eine Leistungsdichte, die derzeit wohl einzigartig ist. Drei Mann über 70 Meter, drei weitere über 68 Meter.

Am zweiten Tag, an dem trotz der sengenden Hitze noch 12 000 Zuschauer gekommen waren, gab es dann schon eine Reihe von Entscheidungen mit lachenden Siegern, mit neuen Namen. Über 100 Meter meldete sich mit Karl Heinz Klotz, der von einem kleinen Turnverein kommt und im vorigen Jahr Deutscher Jugendmeister war, ein großes Talent an. Wucherer, der Favorit, wurde in 10,1 sec sicher geschlagen. Was allerdings die mit 1,85 Meter Windunterstützung unter idealen Bedingungen (Kunststoffbahn, hohe Außentemperatur) erzielte Zeit wirklich wert ist, wird sich erst in vier Wochen in Helsinki bei der Europameisterschaft herausstellen. Man sollte die Stuttgarter Glanzzeiten der Sprinter jedenfalls nicht, wie es von einem Teil der Presse geschieht, überschätzen.

Athleten im Glutofen

Einen hervorragenden Eindruck hinterließ auch Elfgard Schittenhelm, die Schwäbin aus Berlin, die in sehr guten 11,2 sec (Weltrekord 11,0 sec) vor der Fünfkampf-Goldmedaillengewinnerin von Mexiko, Mickler-Becker, und Heide Rosendahl, die ihren Starruhm sichtlich genießt, gewann.

Bei den Herren lief mit Köhler vom Turnverein Wattenscheid über 400 Meter ein neuer Mann in 45,8 sec auf der Außenbahn als Sieger durchs Ziel, bekannte Leute wie Schlößke (46,0), und die beiden Mediziner Jellinghaus (46,1) und Jordan (46,2) hinter sich lassend. Der Berliner Schlößke mußte als zweiter wegen Verlassens der Bahn disqualifiziert werden, eine notwendige Maßnahme, die ihm aber in wenig taktvoller Form erst während der Siegerehrung bekanntgemacht wurde.

Bei den Damen blieb über die gleiche Distanz die kleine zähe Hamburgerin Eckhoff-Bödding als erste knapp unter der 53-Sekunden-Grenze.

Über 1500 Meter der Damen konnte man wieder einmal den Spurt der noch kleineren Ellen Tittel bewundern. Was dieses intelligente Personellen aus einem zierlichen Körper an Leistung herausholt, ist wirklich erstaunlich. Das rhythmische, ästhetische Tandem, das sie mit Christa Merten, der zweiten, auf der Gegengeraden vorführte, war geradezu eine Demonstration für den einst so verpönten Mittelstreckenlauf der Frauen und erntete spontanen Beifall auf den Rängen.

Da bei den Männern nach dem Überwechseln von Jürgen May zur Hindernisstrecke und dem Fehlen von Großverdiener Harald Norpoth, der die 5000 Meter gewann, zur Zeit eine Flaute über 1500 Meter eingetreten ist, konnte Bodo Tümmler, Olympiadritter von Mexiko, nach anderthalb Jahren Verletzungs- und Examenspause ein vielbejubeltes Comeback feiern. Daß et seine Prüfungen mit "gut" und "sehr gut" bestanden hat, sollte man ruhig einmal erwähnen, wo es heute an den Universitäten durch ideologisch eingefärbte Gruppen Mode geworden ist, die Spitzenkönner im Sport als Muskelprotze und Dummköpfe hinzustellen, was sie bekanntlich nicht sind.

Auch in der kurzen Hürdenstrecke wurde mit Nickel ein "König" entthront. Bei Schumanns Siegeszeit von 13,9 sec darf man freilich nicht an die 13,0 des Amerikaners Milburn denken!

Auch der dritte und letzte Tag der Meisterschaften wurde überstrahlt von einer außerordentlichen Leistung, die trotz der 13 000 Zuschauer in völliger Einsamkeit erzielt wurde: der großartige Weltrekord über 800 Meter der Frauen. Eine Traumgrenze, die zwei Minuten, wurde erstmals in der 43jährigen Geschichte dieser Laufstrecke unterboten. 1:58,3 min hieß die kaum glaubliche Zeit der blonden Hildegard Falck, womit sie den bisherigen Weltrekord der Jugoslawin Vera Nikolic von 2:00,5 min gleich um 2,2 sec unterbot. Die Wolfsburgerin lief ein Rennen gegen die Uhr. Ihre Konkurrentinnen schienen für sie überhaupt nicht zu existieren, sie setzte neue Maßstäbe! Schon die 58,8 sec für die erste Runde, wo sie bereits weit vor dem Feld lag, ließen eine Sensation ahnen. Entweder Overpace oder Weltrekord, das ist bei solch tollkühnem Tempo die Frage. Aber der von manchen erwartete Zusammenbruch kam nicht, Hildegard Falck hielt ihre selbstgewählte mörderische Face durch und siegte mit 25 Metern Vorsprung.

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Solche Rennen haben etwas Unheimliches und Übermenschliches an sich. Man wurde an Vladimir Kuz, den Russen, erinnert, als er damals in Bern bei den Europameisterschaften Emil Zatopek und Chris Chattaway ebenso überlegen deklassierte.

Aber da erhebt sich schon die Frage, ob diese große Leistung einer Frau, die eine Courage ohnegleichen an den Tag legte, auch belohnt wird? Wird die Leistung dank der Kurzsichtigkeit einiger Funktionäre als Weltrekord nicht anerkannt werden? Alles spricht dafür! Im Mai dieses Jahres wurde vom Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) beschlossen, elektronisch gemessene Rekorde nur anzuerkennen, wenn keinerlei Verzögerung in das System eingebaut, sondern die Zeit absolut gemessen wurde. In Stuttgart aber wurden elektronisch jeweils 150 Millisekunden weniger gemessen, wie es bei der Handstoppung durch die Reaktionszeit des Menschen auch der Fall ist. Man war der Meinung, auf nationaler Ebene könne man machen was man wolle. Das stimmt zwar, aber eine solche Einstellung ist recht unklug. Jetzt, wo man die internationale Anerkennung braucht, ist der Skandal perfekt. Dem Weltrekord der 22jährigen Sport- und Gymnastiklehrerin Hildegard Falck über 800 Meter wird, so glaube ich, die offizielle Anerkennung durch den Internationalen Leichtathletik-Verband versagt werden.

Im Schatten dieses Fabelrekordes gab es eine Reihe von Resultaten, die hoffen lassen, daß wir im nächsten Jahr in München nicht nur hinterherlaufen werden. Ergebnisse, wie sie im Weitsprung der Frauen geboten wurden, kann im Augenblick kaum ein anderes Land aufweisen. Die Weiten der drei Springerinnen: Heide Rosendahl 6,69 m, Ingrid Mickler-Becker 6,62 m und Christa Herzog 6,60 m (allerdings war ein wohltätiger, erlaubter Rückenwind mit im Spiel). Viele andere Leistungen waren gut, aber vom Standpunkt der Weltklasse eben doch noch nicht medaillenverdächtig. Gut auch die Leistungen im Hochsprung, bei dem drei Mann 2,17 m übersprangen, aber die Barriere zur letzten Klasse sind nun einmal 2,20 m. Bei den Damen "flopte" Renate Gärtner über 1,83 m. Neuer Rekord!

Ein gutes Ergebnis bedeutete auch der Weitsprung von Baumgärtner mit 8,02 m und Schwarz mit 7,95 m, auch hier rückenwindbegünstigt. Zieglers 5,10 m im Stabhoch sind nicht gerade überragend. Lobenswert der Dreisprung von Sauer mit 16,64 m, aber auch hier müßte man die 17 Meter sicher überspringen, um nach einer olympischen Medaille greifen zu können.

Die erzielten Zeiten auf den Langstrecken sind ebenfalls nicht überwältigend, besonders schwach der 10 000-Meter-Lauf von Wollenberg mit 29:59,6 min. Auch die 5000 Meter (Norpoth 13:53,0 min) und das 3000-Meter-Hindernislaufen (May 8:32,4 min) wurden doch noch durch die Hitze negativ beeinflußt, obwohl man sie in die Abendstunden verlegt hatte.

Die Stoßer und Werfer zeigten außer im Hammerwurf international gemessen nur brave Leistungen. Mit 19,59 m von Birlenbach im Kugelstoßen, 61,32 m von Hennig im Diskuswerfen und 84,50 m von Wolfermann im Speer sind keine Medaillen zu erringen. Zu erwähnen bleiben noch die restlichen Läufe und die Staffeln. Kemper, der Antitaktiker, lief diesmal wenigstens in der zweiten Runde mit Überlegung, aber die 1:47,5 min scheinen schon seine derzeitige Grenze anzudeuten.

Gut bis sehr gut sind auch die 20,5 sec von Klotz und Hofmeister über 200 Meter und die 49,6 sec von Büttner über 400-m-Hürden.

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Ausgezeichnet die 23,1 sec von Rita Wilden über 200 m, relativ schwach die Stoß- und Wurfergebnisse der Damen. Der großen Ablösung fiel auch Liesel Westermann zum Opfer.

Die Zeiten der Staffeln waren bis auf jene von Leverkusen 04 mit Heide Rosendahl als Schlußläuferin mit neuem Rekord von 44,5 sec auch nicht überragend. Bayer Leverkusen als Favorit erlitt über 4 X 100 m und 4 X400 m überraschende Niederlagen, die zum Teil durch schlechte Wechsel oder Ersatzleute bedingt waren. Die Siegerzeiten: 39,7 sec und 3:09,8 min.

Fazit: In einigen Disziplinen bestehen für München gute Medaillenchancen, in einigen anderen läßt die enorme Leistungsdichte solche für 1972 noch erhoffen. Kein Grund zum übertriebenen Optimismus, trotz der beiden Weltrekorde, aber auch kein Grund zu pessimistischen Betrachtungen.