Von Folker Schreiber und Karl Furmaniak

Illegal eingereiste Türken abgeschoben – Razzien im Gastarbeiterlager – Vermieter beuten Ausländer aus – so lauten die üblichen Meldungen, die wir in der Tagespresse über die zwei Millionen Gastarbeiter in unserem Lande lesen.

Wer sich jedoch eingehender über die Situation der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Angehörigen in der Bundesrepublik informieren will, stößt auf eine erstaunliche Informationslücke. Obwohl schon vor einem Jahrzehnt ihre Zahl die Grenze der halben Million überschritten hat, finden sich nur ein paar sozialwissenschaftliche Untersuchungen, in denen ohnehin nur Einzelheiten aufgegriffen werden.

Auch die amtliche Statistik liefert nur wenige Angaben – im wesentlichen werden dort die beschäftigten Arbeitnehmer erfaßt. Außerhalb der Volkszählung gibt es lediglich die Erhebungen der Bundesanstalt für Arbeit. Und auch sie teilt nur Einzelheiten mit: die Zahl der ausländischen Erwerbspersonen, ihre Nationalität, den Industriezweig. Noch nicht einmal die Ehefrauen und die Kinder werden gezählt.

Um die Informationsgrundlage zu verbessern, hat die Bundesanstalt für Arbeit 1968 eine detaillierte Umfrage bei 9100 Ausländern vorgenommen, die überraschende Ergebnisse zutage gefördert hat. In der Öffentlichkeit blieb diese Erhebung so gut wie unbeachtet. Manche Annahmen der Fachleute, denen bisher nur unvollständige Daten vorlagen, werden jetzt bestätigt:

  • Gastarbeiter sind wesentlich jünger als ihre deutschen Kollegen – zum Beispiel sind nur 9 Prozent älter als 45 Jahre gegenüber 29 Prozent der deutschen Arbeitnehmer.
  • Der Anteil der Facharbeiter ist gering – 10 Prozent bei den Männern, nur 3 Prozent bei den Frauen.
  • In der Landwirtschaft, im öffentlichen Dienst und im Verkehrswesen sind die Gastarbeiter unterrepräsentiert, dagegen im Baugewerbe und im verarbeitenden Gewerbe häufiger anzutreffen als die Deutschen.
  • Die Sprachkenntnisse der ausländischen Männer sind am besten bei den Beschäftigten im Dienstleistungssektor (66 Prozent sprechen fließend Deutsch), am schlechtesten im Bergbau (21 Prozent).

Die Wohnverhältnisse jener ausländischen Arbeitnehmer, die zusammen mit ihrer Familie in Deutschland leben, unterscheiden sich deutlich von denen der Alleinlebenden. 59 Prozent der „lediggehenden“ Männer wohnten in einer vom Betrieb bereitgestellten Unterkunft oder Wohnung. Dagegen waren die ausländischen Ehepaare zu 85 Prozent in Privatwohnungen untergebracht. Vermutlich ist die Unterbringung in einer vom Betrieb ausgesuchten Unterkunft (Wohnheime) nur eine Übergangslösung. Denn die Ausländer verfügen um so eher über eine Privatwohnung, je länger sie in Deutschland sind und je besser sie die deutsche Sprache beherrschen.