Von Dieter Bachmann

Jetzt machen in Zürich die Bootsverleiher die großen Geschäfte, und den Theatern können die ihren egal sein. Die gepflegten Juni-Festwochen, Nachtisch der Saison, fanden, ohne den traditionellen Festball, ein unauffälliges Ende. Zu feiern gab es auch wenig: Gott sei Dank, man ist noch einmal davongekommen.

Was so unangefochten in den Sommer dämmerte, war vor eben zwei Monaten noch Zündstoff für eine explosive Kulturdebatte gewesen: das ehedem reputierte Schauspielhaus. Seit Jahren nicht mehr der Hort ungestört-verträumter Theaterarbeit, wie es seinem Ruf entspricht, war die Krise über die Direktorien Lindtberg, eines Interim-Triumvirats, Löffler und Buckwitz eskaliert. Jetzt fragte man sich auch in Zürich: Wozu das Theater? Harry Buckwitz selbst, nach der Löffler-Entlassung auf den Herbst 1970 als Retter eingesprungen, hatte sie am Anfang seiner Spielzeit rhetorisch gestellt. Als die Stadt nun mit Subventionserhöhung und Sanierungsbeitrag dem wankenden Theater Fundierungshilfe geben wollte, nahm eine kleine, aber enragierte Opposition die Frage dankbar auf und trug sie an die Öffentlichkeit: Sie ergriff das Referendum gegen die geplanten Beiträge, unterbreitete damit die Finanzaktion der Zürcher Bürgerschaft zur Abstimmung. Die Alternative war ein demokratisch geführtes Haus. Nicht unentwegt weitermachen, sondern Umdenken war die Absicht. Statt der perpetuierten, immer mehr sinnentleerten Tradition ein Theater nach den Bedürfnissen der Zeit und der Stadt.

Solche Töne hat man in einer Schweizer kommunalen Abstimmung selten gehört: Die Anhänger des Schauspielhauses beschimpften die Opposition als „Linksextremisten“, „Drahtzieher der Bunkerjugend“, die ganze Aktion als „Apo-Referendum“, und gegen Argumente schrien sie „Demagogie“. Die Gegner konterten, wenn auch ebenso unfein, mit der Parole „Keine Steuergelder für ein Schauspielhaus unter dem Nazi-Kollaborateur Harry Buckwitz“. Damit wurde personalisiert, was sachlich begründet war, und beide Seiten schossen mit so plakatigen Parolen am Ziel vorbei, das geheißen hätte: eine neue Basis für das betriebswirtschaftlich wie künstlerisch überalterte Schauspielhaus. Finanzstopp als Anregung zu kreativer Tätigkeit – wo das Geld fehlte, würde man vielleicht auf Ideen kommen. Aber es kam das Geld.

Immerhin – nicht ohne weiteres. Obwohl das Schauspielhaus mit ungleich stärkeren Werbemitteln agierte als die Opposition, obwohl die Biedermänner diese, stets wählerwirksam, als (linke) Brandstifter verteufelt hatten, war das Ergebnis des Wahlsonntags vom 6. Juni erstaunlich. 67 000 Schauspielhaus-Unterstützern standen 50 000 Neinsager gegenüber (bei kleiner Stimmbeteiligung, also mit wenig unverbesserlichen Neinsagern). Das Menetekel bleibt an der Wand, wenn auch die Krise vertagt ist. Keine Flammenschrift, die zufällig wäre – Zürich. erlebt nur, worunter Deutschland schon lange seufzt: unter der Unverträglichkeit der wie im 19. Jahrhundert strukturierten Stadt- und Staatstheater mit den Theaterversuchen, die in diesen Jahren unternommen werden.

Auf einem Szenenphoto aus Hauptmanns „Ratten“ der Schauspielhaus-Spielzeit 1940/41 sind nebeneinander Therese Giehse, Ernst Ginsberg und Kurt Horwitz zu sehen – Protagonisten einer Zeit, in der das Zürcher Schauspielhaus Zuflucht, Unterstand vor der Naziverfolgung war, einer Zeit aber auch, in der der Protagonist noch reinen Gewissens einer sein durfte. Zürich kam durch den Krieg zu großem Theater, nach dem Krieg hatte man die Chance, daraus eine Tradition zu machen. Obwohl Deutschland wiederMöglichkeiten bot, unter anderem auch höhere Gagen, gelang es Oskar Wälterlin und seinem Nachfolger Kurt Hirschfeld doch immer wieder, „ihre guten, alten Freunde für das Zürcher Theater zu verpflichten“ (Abstimmungsvorlage). Aber nicht nur die guten, alten Freunde, auch zwei Hausautoren hielten die Bühne auf Niveau: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, deren Weltruhm von der Zürcher Bühne ausging. Vom Zweigestirn ist dem Schauspielhaus Friedrich Dürrenmatt geblieben: Nach dem Basler Krach mit Werner Düggelin installierte er sich am Pfauen als Hausautor, Regisseur, als Verwaltungsrat und Verwaltungsratsausschußmitglied, als Berater der Direktion Buckwitz. Buckwitz: „Seine bloße Präsenz wirkt schon stimulierend.“ Max Frisch andererseits hat sich deutlich genug gegen dieses Schauspielhaus ausgesprochen.