Die große Zeit, die unangefochtene Hegemonie des Schauspielhauses ging deutlich zu Ende, als Kurt Hirschfeld 1964 starb. Leopold Lindtberg, dem Haus seit langem verbunden, sollte einspringen – und gab auf; ein Triumvirat sollte retten – und versagte. 1969 kam aus Berlin der Zürcher Peter Löffler; er brachte als Dramaturgen Klaus Völker mit und viele neue Schauspieler, unter anderem auch die Gruppe Peter Steins. Er gedachte (wie sollte er auch anders) einen Schnitt zu tun, und so begann seine Saison, ohne sein Zutun allerdings, denn auch mit Theaterdonner. In der Eröffnungspremiere mit Heiner Müllers "Prometheus" nach Aischylos sprach der Vokalist der mitwirkenden Beatgruppe "The Can" – ein Neger noch dazu – ins rote Plüsch vernehmlich die Worte: "Das Schauspielhaus ist Scheiße." Das wirkte, wie es sollte: als Provokation, und als in Peter Steins Inszenierung von Edward Bonds "Early Morning" dann gar ein Gefesselter mißhandelt wurde, da knallten Türen und die Presse schoß sich flink – mit einer Ausnahme – auf das neue Team im Pfauen ein. Das Ziel hatte der Kritiker Werner Wollenberger allerdings schon mit Leuchtspur angegeben, bevor Löffler überhaupt begonnen hatte. Soviel Weitsicht bringt Ehren: Nachdem das Schauspielhaus vom Löffler-Team gereinigt war, betrat es Werner Wollenberger als künstlerischer Berater des neuen Direktors Harry Buckwitz. Nun, er hatte auch die Medizin: nachdem das Löffler-Team das Zürcher Publikum mit allzu zeitgenössischem Theater und unter Mitwirkung der Zürcher Theaterkritik aus dem Haus geschreckt hatte, bot er die Versöhnungspille: "Wollenberger will große Schauspieler in großen Stücken für ein großes Publikum" (Wollenberger).

Da war Löfflers Programm weniger monumental, wenn auch differenzierter gewesen. Mit den Mitteln des zeitgenössischen Theaters (was "klassische Stücke" nicht ausschloß) sollte versucht werden, der in Zürich schlummernden Diskussion über gesellschaftspolitische Probleme etwas aufzuhelfen. Das konnte nun allerdings nicht mehr das wertfreie Theater sein, nicht mehr der unverdrossen pluralistische Spielplan: Von allem etwas und alles für alle.

Mit den Mitteln des Theaters – aber die amoklaufenden Löfflerfeinde sahen nur den politischen Gehalt. Löffler und Völker stritten für ein neues Theater, verurteilt wurden sie auf Grund einer neuen Politik. Jetzt zum ersten Mal gab es nur noch Biedermänner und Brandstifter, Freunde des Schauspielhauses und ihre Feinde, von denen man suggerierte, sie hätten den Untergang des Abendlandes im Kopf. Das Publikum, dem man klarmachte, daß hier jetzt "Theater gegen das Publikum" getrieben würde, blieb prompt aus. Löffler hatte wenig Zeit, an Hand von Aufführungen zu zeigen, was er mit dem Theater wollte; noch vor Weihnachten war er gekündigt. Und das Verdikt bleibt bestehen: Löffler hat Politik, aber kein Theater gemacht.

Zu sehen waren in jener Spielzeit: "Early Morning" in deutscher und "Prometheus" in westdeutscher Erstaufführung, der "Selbstmörder" von Nicolai Erdmann in deutscher Erstaufführung und alsbald in Deutschland nachgespielt; Gustafssons "Nächtliche Huldigung", eine Spielzeit später am unverdächtigen Berliner Schiller-Theater; die deutsche Erstaufführung des elisabethanischen "Changeling" durch Peter Stein; Elias Canettis "Hochzeit"; Sean O’Caseys "Kikeriki" in der Inszenierung durch Peter Stein; Steins "Tasso" in Wiederaufnahme. Die Ausstrahlung solchen Theaterschaffens lockte zwar die internationale Kritik an, die in Zürich die "Stein-Gruppe" sah, bevor man dafür nach Berlin reisen mußte – das Publikum blieb aus. Die Besucherfrequenz dieser Spielzeit war schließlich beim katastrophalen Wert von 47,6 Prozent.

Dankbare Melodie für den Schwanengesang: Selbst das junge Publikum, auf das das Löffler-Theater nicht zuletzt gezielt gewesen sei, sei ausgeblieben. Richtig, aber dieses Publikum hat es in Zürich noch gar nicht gegeben. Heute (durch Löffler mitangeregt?) ist es da, wenn auch weniger am Schauspielhaus. Es wallfahrtet vor die Tore der Innenstadt, ins Außenquartier Oerlikon. Dort im "Stadthof 11", in einem kargen und technisch schlecht ausgerüsteten Theatersaal, sah man noch lange sanft lächelnd Klaus Völker. Unter jenem Publikum, das Löffler gefehlt hat. Im "Stadthof 11" organisiert die Verwaltungsabteilung des Stadtpräsidenten einen Gastspielbetrieb, der die Avantgarde – und nur sie – präsentiert.

Ariane Mnouchkines und ihr "Théâtre du Soleil" "1789" sah man zuletzt dort in fünf ausverkauften Vorstellungen (4000 Besucher); davor das "Teatro Libero di Roma" mit "Orlando Furioso" und, in einer ehemaligen Militärreithalle, aber unter demselben Patronat, seine Pariser Produktion "XX"; Fassbinders Münchner antiteater; New Yorks "La Mama" und das "Playhouse of the Ridiculous"; das Straßburger TNS mit Frischs "Biedermann"; das Warschauer Theater "Satyrykow"; aus Avignon das "Théâtre du Chêne noir". Insgesamt 32 Abende mit einer mittleren Besetzung von etwa 75 Prozent; das alles mit einem städtischen Beitrag von 150 000 Franken. Der wird in dieser Saison allerdings, wie der Veranstalter Vitali treuherzig sagt, "gewaltig" – nämlich um etwa 80 000 Franken überzogen werden. Und es geht weiter: Für die nächste Saison sind Gastspiele vorgesehen von Ronconi-Barrault, des "Bread and Puppet Theatre", von Peter Brook, von Barraults "Rabelais", von Grotowski. Immer noch eingeladen: Peter Stein und die Berliner "Schaubühne", die in dieser Saison wegen technischer Schwierigkeiten nicht nach Zürich (zurück)kommen konnten.

Der "Stadthof 11" ist Zürichs Hallesches Ufer. Und wie Berlin erfährt nun auch Zürich, mitten in der Krise des etablierten Theaters, die Wirksamkeit von Theater, wenn es sich nur zu sich selbst, das heißt zu seinem Charakter der Recherche im Kontext der Zeit, bekennt. Zürich, einst Theatermetropole mit dem Schauspielhaus, ist daran – sporadisch – wieder eine zu werden: mit diesem Gastspielprogramm. Aber eben: sporadisch. Und ein Gastspielprogramm ersetzt nicht die eigene Anstrengung.